Inhalt | Print-Ausgabe 03/2017
28.09.2017

Technologie: Megatrend oder Blase?

Einige Experten gehen davon aus, dass sich an der US-Technologiebörse Nasdaq eine Blase gebildet hat und ziehen bereits Vergleiche zum Jahr 2000. Doch die meisten Überlegungen dazu sind nicht wirklich überzeugend. Wir wollten es deshalb genau wissen und haben ein halbes Dutzend Fondsmanager zu ihrem aktuellen Ausblick befragt.

von Wolfgang Regner

Foto: fotolia

Tech-Konzerne wie Facebook, Amazon, Apple und Google-Mutter Alphabet dominieren die exklusive Forbes-Liste der 500 größten Börsenkonzerne der Welt. Mittlerweile kommen sieben der zehn größten Unternehmen der Welt aus der Tech-Branche. Fakt ist: die Milliardengewinne sind der ganz große Unterschied zur Tech-Manie um die Jahrtausendwende. Damals waren Tech-Aktien schon einmal ähnlich dominant im Ranking der Börsenriesen. Und heute? Das im Jahr 2000 teuerste Unternehmen Cisco Systems konnte bei einem Börsenwert von 575 Milliarden Dollar nur 2,6 Milliarden Dollar Gewinn vorweisen. Alphabet ist derzeit rund 630 Milliarden Dollar wert, verdient aber 29 Milliarden Dollar – und damit fast zehnmal so viel. Vergleiche mit der Internetblase sind also weit übertrieben. Bei Aktien wie Alphabet, Microsoft und Facebook wird bei konservativer Schätzung mindestens ein Viertel des aktuellen Börsenwerts durch Cashreserven und die Gewinne der kommenden drei Jahre abgedeckt. Bei Apple, dem wertvollsten Unternehmen der Welt, sind es über 40 Prozent, beim koreanischen Tech-Riesen Samsung gar über 60 Prozent. Digitale Daten sind das neue Öl. Die Digitalisierung erfasst immer mehr Lebensbereiche und Facetten der Wirtschaft. Sie ist dabei, ganze Wertschöpfungsketten neu zu ordnen, und zwar in rasanter Geschwindigkeit. Noch 2010 vereinten Print-Medien 25 Prozent der Werbeausgaben in den USA auf sich. Heute hat sich dieser Anteil halbiert. Gleichzeitig sprang der Marktanteil von Onlinewerbung von 17 auf 37 Prozent. Der wichtigste Grund: Daten. Weil Menschen, die im Internet unterwegs sind, über Suchanfragen, besuchte Websites und Aktivitäten in sozialen Netzwerken wie Facebook Spuren hinterlassen, lassen sich mithilfe intelligenter Algorithmen genaue Profile über Interessen und Vorlieben erstellen. Die Menschen können mit Werbung wesentlich zielgerichteter angesprochen werden.

Haben wir den Zenit der Datenkonzerne schon gesehen? Wahrscheinlich nicht. Alexander Sacerdote ist Hedgefondsmanager mit dem Fokus Technologieaktien und einer der erfolgreichsten seiner Zunft. Seine Recherchen sind eindeutig: Egal ob Onlinehandel, Cloud Computing oder Streaming von Videos: in vielen Bereichen machen die neuen Geschäftsmodelle gerade erst fünf bis 15 Prozent des adressierbaren Markts aus. Sacerdote meint, dass sich der Siegeszug der Tech-Aktien in den kommenden Jahren noch beschleunigen wird: „Wir sind erst an der Schwelle einer Entwicklung, bei der mehrere Megatrends wie selbstfahrende Autos, Künstliche Intelligenz (KI), Roboter und das Internet der Dinge ihre Wirkung entfalten werden.“

Ganz klare Dominanz

Heute haben viele Tech-Konzerne eine überragende marktbeherrschende Stellung. Google ist für 93 Prozent aller Suchanfragen in Europa verantwortlich. Amazons Marktanteil im Internet-Einzelhandel der USA beträgt 43 Prozent. Der Konzern setzt mehr um, als die zehn nächsten Konkurrenten zusammen. Fast drei Viertel aller Bücher in den USA werden über Amazon verkauft. Facebook hat zwei Milliarden Mitglieder. Das Unternehmen vereinnahmt mit Google zusammen fast zwei Drittel aller digitalen Werbeeinnahmen in den USA. Und diese Monopole entstehen fast automatisch. Netzwerkeffekte wie bei Facebook (je mehr Nutzer, desto attraktiver ist das Angebot) und die extreme Skalierbarkeit von Software (Digitales lässt sich nahezu ohne weitere Kosten kopieren und distributieren) führen dazu, dass immer mehr Märkte einem Prinzip folgen: „The winner takes it all.“

 

 

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Neben den Milliardengewinnen liegt der Anteil von Technologie-Aktien im breiten US-Aktienindex S&P 500 derzeit bei 24 Prozent. Vor siebzehn Jahren waren es 38 Prozent. Last, but not least: Das zyklisch adjustierte KGV des S&P 500 Information Technology, nach Robert Shiller auch „Shiller KGV“ oder 10-Jahres-KGV genannt, übersteigt das Gesamtmarkt-KGV (des S&P 500) nur geringfügig. Aktuell besonders spannend findet Anders Tandberg-Johansen, Manager des DNB Technology Fund, die Trends zur KI und dem „machine learning“, weiters zu Cloud Computing und dem Übergang von Offline- zu Online-Geschäftsmodellen in der Medienbranche. „Generell zuversichtlich sind wir für den Softwarebereich gestimmt, wobei die Segmente Cloud, IT-Sicherheit und das ‚Internet der Dinge‘ große Wachstumschancen bieten. Dieser Sektor ist im DNB Technology am stärksten übergewichtet. Attraktiv, wenn auch mittlerweile recht teuer, ist auch der Halbleitersektor. Die Anforderungen der Cloud, von ‚Big Data‘, also den Unmengen an Daten, die tagtäglich entstehen und verarbeitet werden müssen sowie der KI benötigen immer leistungsfähigere Chips. Die heißesten Themen sind aktuell die KI und virtuelle Realität (VR). Beiden eröffnen die technologischen Fortschritte der letzten Jahre große Wachstumschancen.“ Und zur angeblichen Blase: „Im Jahr 2000 hatten nur 50 Prozent der Hightech-Firmen positive operative Gewinnmargen. Derzeit sind es über 90 Prozent. Einige Tech-Konzerne haben allerdings auch heute unrealistisch hohe Bewertungen, etwa Amazon oder Netflix. Potenzial sehen wir bei den großen Leadern am ehesten noch bei Alphabet (in allen Wachstumssegmenten positioniert), Facebook, Microsoft (starkes Cloud Business) und Intel (eines der günstigsten Unternehmen). Auch asiatische Unternehmen gefallen uns, wie etwa Baidu oder Samsung. Das fondsübergreifende KGV des DNB Technology liegt bei 17, was wir angesichts der Wachstumschancen unserer Unternehmen als vernünftig bezeichnen würden. Und zum Ausblick: die Schätzungen, was die IT-Unternehmensinvestitionen anbelangt, wurden nach oben korrigiert.“

Public Clouds im Vormarsch

Frédéric Fayolle, Fondsmanager des DWS Technology Typ 0, erachtet die Segmente Cloud Computing (= Software as a Service) sowie Anbieter von „public clouds“ als besonders aussichtsreich, das sind Provider von kompletten Internet-Infrastrukturen (Server, Datenspeicherung, Netzwerkanbindung sowie dafür notwendige Software). Die private Infrastruktur dagegen muss bei jedem Kunden an dessen Standorten aufgebaut werden. „Die Anbieter der public clouds verwenden dazu noch eigene Softwarelösungen, was traditionelle Softwareanbieter angreift. Die Hardware dafür kommt kostengünstig aus der asiatischen Massenfertigung. Weiters würden wir KI (inklusive autonomes Fahren) als wachstumsstark einschätzen.“

„Eine ‚disruptive‘ Entwicklung, also eine solche, die imstande ist, traditionelle Branchen völlig umzukrempeln, sehen wir in der Verlangsamung des ‚Moor’schen Gesetzes‘, das die Wachstumsgeschwindigkeit des Halbleitersektors bisher quasi normiert hat. Das eröffnet jenen Halbleiterausrüstern hohe Wachstumschancen, die neue Materialien und Halbleiter-Architekturen (wie z.B. 3-D-Chips) anbieten können, um so die Geschwindigkeitsexpansion am Laufen zu halten. Ein weiterer wichtiger Trend ist ‚Open Source‘ vor allem im Softwarebereich. Die Nachfrage nach derartiger Software wächst stark, was aber Probleme für jene Software-Anbieter mit sich bringt, die den Quellcode nicht veröffentlichen wollen, um weiterhin hochpreisige eigene Software anbieten zu können. So gibt es sogar in der KI bereits Open Source KI ‚machine learning‘-Architekturen (z.B. Tensor Flow und Thor). Auch Netzwerksoftware emigriert zunehmend in den Open Source-Bereich, wie etwa Produkte, deren Netzwerkfunktionen getrennt von der Hardware laufen, die sie benötigen. Sogar Big Data-Analysesoftware gibt es als Open Source-Lösungen.“

„Relativ wenig Investmentchancen sehen wir im Bereich Internet der Dinge, etwa was Smart Homes anbelangt, da die hierfür notwendigen Produkte meist Hardware- und Halbleiterlösungen sind, die unter starkem Preisdruck leiden, da der Innovationsgrad nicht gerade berauschend ist“, sagt DWS-Manager Fayolle. Im Softwarebereich interessieren ihn nur einige, ausgewählte Segmente, etwa Software, die elektronisches Design automatisiert, vor allem bei Halbleitern, weiters Business Analysis-Software, IT-Sicherheits-Software und Spielesoftware für PC- oder Videospiele (verfügt ebenfalls über exzellente Wachstumsaussichten, da die Nachfrage von der Demografie profitiert. Viele Gamer spielen auch mit zunehmendem Alter weiter).

„Big Data“ kommen vor allem beim „Machine Learning“ (ML) bzw. „Deep Learning“ (DL) zum Einsatz, wobei der Lernprozess gewaltige Eingabe- und Ausgabedatenmengen verarbeitet, um Korrelationen zwischen diesen beiden Datensets aufzuspüren. Diese Korrelationen wiederum können zur Prognose von bestimmten Ereignissen genutzt werden, wenn neue Dateneingaben erfolgen. Zum Ausblick: „Wenn man die Wachstumsstärke und Nachhaltigkeit der Gewinne miteinbezieht, so sehen die aktuellen Bewertungen, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, alles andere als abenteuerlich aus“, so Fayolle.

Megatrend: Virtuelle Realität

„Die größten Megatrends sind meiner Einschätzung nach die Themen Cloud Software, Künstliche Intelligenz und Virtual Reality (VR)/Augmented Reality (erweiterte Realität)“, meint Bernd Köcher, Portfoliomanager des Deka-Technologie CF. „Führende Anbieter im Bereich der Cloud Software bzw. der Public Cloud sind Amazon AWS, Microsoft Azure und Sales-force.com. Die Investition in Künstliche Intelligenz ist am Aktienmarkt schwierig, sodass auf Hardware-Anbieter, wie zum Beispiel den Grafikchiphersteller Nvidia, zurückgegriffen wird. Viel versprechende Projekte im Bereich der Virtual Reality/Augmented Reality treiben Facebook mit Oculus und Microsoft mit Hololens voran.“ Neben Halbleitern für die Automobile von morgen investiert Köcher im Bereich der Sensoren und der analogen Halbleiter. Immer mehr Daten werden mithilfe verschiedenster Sensoren gesammelt, analysiert und veredelt, etwa im Bereich Smart Home. Analoge Signale, wie die Temperatur oder die Luftfeuchte, müssen in digitale Signale umgewandelt werden. „Die gesammelten Datenmengen werden von intelligenten Programmen ausgewertet. Hier kommen maschinelles Lernen und die ersten Anwendungen von KI zum Einsatz. Zum Beispiel können Maschinen in der Produktion mit Sensoren ausgestattet werden, die Daten über das Internet an den Hersteller der Maschine senden. Mithilfe von Mustererkennung können Fehlfunktionen der Produktionsanlage frühzeitig erkannt und Wartungsintervalle durchgeführt werden, bevor es zu Ausfällen und Produktionsstillständen kommt.“ Und zur Frage nach der Bewertung: "Die hohe Prämie, die der Sektor zwischen 1998 und 2000 aufgebaut hatte, ist noch in weiter Ferne. Dies liegt an der stark erhöhten Profitabilität des Sektors."

 

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