Inhalt | 02/2021
02.07.2021

Value oder Growth? Viel Bewegung in beiden Welten

Die Gewichtung von Value- und Growth-Aktien wird gerne zur „Glaubensfrage“ stilisiert. Fakt ist: Dem Höhenflug von Growth-Titeln folgte eine Rotation hin zu Value-Werten. Aber wie geht es weiter? Nachfragen bei Fondsmanagern beider Lager offenbaren auch für Anleger interessante Veränderungen.

von Wolfgang Regner

Adobe Stock

Historisch betrachtet hat sich Value als Anlagestil bewährt. Allerdings haben viele Fondsmanager den substanzwertorientierten Ansatz an die geänderten Marktbedingungen angepasst und modifiziert. So sagt etwa Value-Altmeister Hendrik Leber, Gründer und Chef der deutschen Fondsboutique Acatis, Anleger sollten sich mehr auf den Zeithorizont als auf bloße Bewertungen konzentrieren. Mit seiner enorm angewachsenen Datenbank schaffe es Leber, 160 bis 200 Sub-Branchen zu analysieren und die jeweiligen längerfristigen Gewinner zu identifizieren. „Wir verwenden Umsatzprognosen, den operativen Gewinn (Ebitda) und die Fähigkeit, Value in der Zukunft zu schaffen.“

Entscheidend ist die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells. Der aktuelle Value wird natürlich nicht ausgeblendet, steht aber hinter diesen drei Faktoren zurück. Einmal ausgewählt, bleibt Leber den Top-Positionen oft jahrelang treu. Dafür ist er bereit, auch etwas mehr zu zahlen als früher. „Unser Ziel einer Kapitalverzinsung von zehn Prozent haben wir auf sechs bis acht Prozent revidiert.“ Auf Branchenebene werden Technologie, Health Care und zyklischer Konsum favorisiert. Gerade die ersten beiden hat man bisher nicht unbedingt als Value-Sektoren bezeichnet.

Lebers Anlage-Know-how und Gespür für Gewinner zeigt sich z. B. am Engagement in Biontech. Lange bevor das Unternehmen einen Impfstoff gegen Corona entwickelte, war Leber auf die Mainzer aufmerksam geworden. „Trotz des starken Anstiegs haben Investoren das ganze Potenzial des Unternehmens noch nicht erfasst“, ist er überzeugt. Seiner Ansicht nach erfüllen viele Wachstumstitel aus Zukunftsbranchen mittlerweile das Value-Kriterium „starke Unternehmenssubstanz“.

Keine große Rotation

So erwartet etwa Finanzexperte Stefan Riße keine große Renaissance der Value-Aktien wie nach dem Platzen der Internetblase im Jahr 2000. „Viele Technologieunternehmen fahren riesige Gewinne bei hohen Gewinnmargen und starkem Wachstum ein. Das rechtfertigt den Bewertungsaufschlag gegenüber den Value-Aktien“, sagt Riße. Schon 1992 habe Buffett im Geschäftsbericht von Berkshire Hathaway geschrieben, dass auch ein Unternehmen mit einem hohen Kurs/Gewinn-Verhältnis, einem hohen Kurs/Buchwert-Verhältnis und einer geringen Dividendenrendite ein Value-Investment sein könne.

Wer nur das KBV betrachtet wird nie in eines der großen Technologie-Unternehmen investieren können, denn ihr Wert besteht in ihrer überragenden Marktstellung und Innovationskraft. Diese fließen aber in den Buchwert nicht ein. Insofern werden sie nie einen besonders hohen Buchwert haben. Das sei aber kein Grund, nicht auch in Unternehmen wie Microsoft, Alphabet und Nvidia zu investieren. „Man nennt das Value Investing 2.0“, erläutert Riße.

Konjunktur spricht für Value

Michael Barakos, Fondsmanager des JPM Europe Strategic Value, glaubt dagegen an eine zumindest mittelfristige nachhaltige Erholung des Value-Sektors. „Obwohl wir eine Einengung gesehen haben, sind die Bewertungsdifferentiale weiterhin fast so groß wie beim Höhepunkt der Tech-Blase“, sagt Barakos. Da gebe es also noch einiges an Potenzial. Auch Technologie- oder Gesundheitsaktien könnten Value-Werte sein. Seiner Meinung nach gibt es viele Unternehmen innerhalb der Sektoren, die attraktive Bewertungen aufweisen, wenn man jenseits der Top-Player sucht.

Steigende Inflation, höhere Bondrenditen und eine stärker als erwartete globale Konjunkturerholung sprächen für eine längere Periode der Outperformance von Value-Titeln. Dazu kommen das US-Infrastrukturpaket, das auf zyklische Sektoren ausgerichtet ist, die dramatische Unterinvestition in Value-Werte (nur vier Prozent der globalen Anlageassets seien in Value-Fonds investiert), die starke Gewinnerholung, die von Value-Sektoren angeführt werde sowie der immer noch hohe Bewertungsabschlag gegenüber Growth-Titeln.

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