Was wird aus dem Euro?
Der Euro ist ein Koma-Patient, der nur durch die finanziellen Infusionen der Europäischen Zentralbank überleben kann. Unterschiedlich fallen die Antworten der von FONDS exklusiv befragten Vermögensverwalter aus, wenn es um die Folgen dieser Politik für Wirtschaft und Anleger geht. Wird der Euro an den Schulden zerbrechen oder stehen wir vor einer neuen Währungsreform?
von Kay Schelauske

Der Euro ist eine Missgeburt“, sagt Gottfried Heller. Trotz eines fehlenden rechtlichen und politischen Fundaments für ein gemeinsames Europa wollte der damalige Kanzler Kohl die Länder Europas über die einheitliche Währung zusammenführen. „Tatsächlich treibt Europa mehr auseinander als je zuvor“, betont der Gründer und heutige Senior Partner der Münchener Vermögensverwaltung Fiduka.
Auch für Jens Ehrhardt, Gründer und Vorstandsvorsitzender der DJE Kapital in München, kommen die Entwicklungen nicht unerwartet: Aufgrund der unterschiedlichen Wirtschaftskraft der Mitgliedsstaaten ist die Kluft zwischen Geber- und Nehmerländern von Anfang an zu groß. Verglichen mit westlichen Standards befinden sich weite Teile Süditaliens, ländliche Gebiete Spaniens, Portugals und Griechenlands auf dem Niveau von Entwicklungsländern, sagt Thomas Grüner. Der Chef der Rodenbacher Vermögensverwaltung Grüner Fisher Investments verweist hierzu beispielhaft auf die Auswüchse einer mangelhaften Bürokratie: fehlende Grundbuchauszüge, Rentenzahlungen an verstorbene Pensionäre und geschmierte Auftragsvergaben.
Durch den Wegfall der Landeswährungen samt flexibler Wechselkurse haben die Mittelmeerländer einen wichtigen Regulierungsmechanismus verloren. Die Folge: Sinkende Wettbewerbsfähigkeit, steigende Arbeitslosigkeit und eine zunehmende Perspektivlosigkeit auch und gerade bei jungen Menschen. „Um diese Probleme erfolgreich zu bekämpfen, müsste die Ursache beseitigt werden, der Euro“, so Grüner weiter und fügt hinzu: „Aber dann müssten die Politiker eingestehen, dass sie sich geirrt haben.“ Im Rahmen des Europäischen Währungssystems funktionierten die Bandbreiten bei den Wechselkursen schon nicht. Dennoch hat die Politik mit dem Euro einen festen Wechselkurs eingeführt. Grüner: „Es ist augenscheinlich, dass dies auf Dauer nicht gehen kann.“
Also, raus mit den Griechen aus der Währungsunion? Der Austritt würde dem Euro nicht schaden und wirtschaftlich gesehen ist Griechenland unbedeutend, meint Hendrik Leber, Chef der Frankfurter Acatis Investment. Die Vermögensverwalter sehen darin eher eine Chance oder besser sahen. „Der Austritt müsste mit einer Art Marshall-Plan verbunden werden“, sagt Heller mit Blick auf die Banken, die dann mit einem Ansturm ihrer Kunden rechnen müssten. Die Wirtschaft würde von der Wiedereinführung der Drachme im Zuge der zu erwartenden Abwertung zwischen 30 und 50 Prozent profitieren. Problematisch werde es für die Banken, die Griechenland Kredite gegeben haben. Deshab sollte vor einem Austritt ein Schuldenerlass stehen, meint Ehrhardt: „Für die Griechen wäre der Austritt der einzige Weg, wieder wettbewerbsfähig zu werden.“
Präzedenzfall schaffen
„In jeder GmbH-Satzung steht geschrieben, dass ein Gesellschafter bei Insolvenz ausscheidet. Nur bei der Euro-Gründung hat niemand daran gedacht“, echauffiert sich Heller. Laut Maastricht-Vertrag können die Euro-Staaten nur aus eigenem Antrieb aus der Währungsunion austreten, aber nicht rausgeschmissen werden. Doch: Was gilt heute das europäische Vertragsrecht? Die Maastricht-Kriterien und die Nichtbeistandsklausel des Vertrags wurden verletzt und Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) aufgekauft. Deutschland müsste mit geringeren Kosten rechnen als bei der Wiedervereinigung. Leber: „Dann wäre ein Präzedenzfall geschaffen, der zeigt, wie teuer der Austritt eines Staates aus der Europäischen Währungsunion wird.“
Sicher ist: Mit dem Anfang November beschlossenen Rettungspaket hat die europäische Politik Zeit gewonnen, aber keine Lösungen – und schon gar nicht für Beruhigung an den Finanzmärkten gesorgt. Dafür bräuchte es eine plausible Analyse, einen darauf aufbauenden Maßnahmenplan und entsprechend nachvollziehbares Handeln. Doch solche Aktivitäten sind weder bei der Deregulierung noch bei der Sanierung oder dem Vorruhestand festzustellen, meint Acatis-Chef Leber. Auch beim Rettungspaket sei noch einiges offen.
Mit welchem Zinssatz ist der Schuldenschnitt von 50 Prozent verbunden? Wer nimmt an der Umschuldung wirklich teil? Müssen die Griechen im Gegenzug ein Pfand geben, wie z. B. staatseigene Immobilien? „Da steckt im Detail enormer Sprengstoff drin“, sagt Leber. Auch auf Grüner wirkt das Rettungspaket nebulös. Indes bricht Griechenland die Wirtschaft weg. „Kein Investor bzw. Im- oder Exporteur hat noch Vertrauen in einen griechischen Handelskontrahenten, weil er nicht weiß, ob der in einigen Wochen überhaupt noch in Euro bezahlen kann“, sagt der Vermögensverwalter. Diese Abwärtsspirale sei in Griechenland nicht mehr zu stoppen. Während die reichen und gut situierten Griechen ihr Kapital längst ins Ausland geschafft haben, leidet die Masse des Volkes bereits unter den Sparmaßnahmen und begehrt auf. Was vielen nicht bewusst ist: In Griechenland herrschte bis 1974 eine Militärdiktatur. „Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sich innerhalb kürzester Zeit die Ereignisse in der Eurozone überschlagen und die Welt vor ganz anderen Realitäten steht“, sagt Martin Mack, Geschäftsführender Gesellschafter der Hamburger Vermögensverwaltung Mack & Weise.
Für die Finanzmärkte ist Griechenland längst abgehakt. Da sind sich die Vermögensverwalter einig. Ob andere Länder von einer Pleite am Bosporus angesteckt würden, sei auch nicht mehr entscheidend. Denn Italien befindet sich bereits im Sog der Krise. Die größte Verunsicherung bereitet längst der „europäische Stiefel“. Die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen des Landes erreichten zuletzt 7,4 Prozent. Es dauere zwar ein bisschen, bis sich das Zinsniveau durch die Laufzeiten fresse, aber klar sei: Bei einer Verschuldung von 120 Prozent der Wirtschaftsleistung könne das Land seine Schulden auf Dauer nicht bezahlen. „Bei einem Anleihenzins von acht Prozent dürfte Italien nicht mehr in der Lage sein, eine Bondemission zu schultern; das wäre der Sargnagel in die Insolvenz“, sagt Bert Flossbach, Gründer und Vorstand der Kölner Vermögensverwaltung Flossbach von Storch. Hinzu kommt: Der Rettungsschirm könnte Italien im Fall der Fälle nicht auffangen, weil der Schuldenberg mit einem Volumen von 1.900 Milliarden Euro zu groß ist, betonen Heller und Erhardt übereinstimmend.
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