Inhalt | Print-Ausgabe 04/2017
19.01.2018

Wenn der Fehlgriff ein Vermögen kostet

Auch wenn Kursverluste an der Börse nicht ausgeschlossen sind, gibt es einige Weisheiten, die Anleger beherzigen sollten, um zumindest unnötige Fehler zu vermeiden. Top-Privatbanker liefern dazu handfeste Ratschläge aus ihrer langjährigen Erfahrung.

von Raja Korinek

Foto: Fotolia

Zurückblicken sollte man bei der Börse freilich nicht. Zumindest dann nicht, wenn man damit womöglich an schmerzhafte Verluste erinnert wird – die mit einigen simplen und bewährten Binsenweisheiten vermeidbar gewesen wären. Freilich, das lässt sich oftmals leichter sagen, als es in der Praxis ist. Schließlich ist beim Investieren nicht nur ein tiefgründiges Wissen über die Finanzmarktinstrumente gefragt, sondern auch eine Menge Börsenpsychologie. Ein Faktum, das oftmals unterschätzt wird. Denn nicht immer ist das Verhalten zahlreicher Anleger rational. Das kennen die langjährigen Marktexperten nur zu gut. Bernhard Ramsauer, Vorstandsvorsitzender der Semper Constantia Privatbank, betont etwa: „In vielen Bereichen unseres täglichen Lebens, auch bei der Geldanlage, beeinflussen subjektive Faktoren unsere Entscheidungen.“ Und das seien eben Verhaltensmuster, die immer wieder zu suboptimalen Ergebnissen führten, wie Ramsauer mahnt. Nicht ohne Grund werden diesem Aspekt deshalb auch ganze Studien gewidmet. „Inzwischen gibt es eine eigene Wissenschaft rund um die Börsenpsychologie. Die Forschung zum Thema des Behavioral Finance untersucht dabei weit verbreitete menschliche Abweichungen vom rationalen Verhalten.“ Wobei, so Ramsauer, beobachte man bei Frauen einen tendenziell rationaleren Zugang zur Veranlagung. „Männer hingegen begegnen diesem Thema tendenziell etwas emotionaler“, lautet etwa ein Fazit.

Klassische Fehler vermeiden

Umso mehr lohnt sich der Blick auf klassische Anlegerfehler. Gerade im aktuellen Umfeld, in dem viele Märkte rund um den Globus bereits recht hohe Kursniveaus erreicht haben und die Unsicherheit über den weiteren Verlauf zunimmt, könnte es durchaus sinnvoll sein. FONDS exklusiv hat dazu auf die Expertise von Top-Privatbankern zugegriffen, um typische Anlegerfehler aus ihrer langjährigen Erfahrung aufzuzeigen. Ansetzen sollte man dazu freilich gleich beim Beginn der Veranlagung. Da sollte eine sorgfältige Analyse mit den Anlagezielen und der persönlichen sowie der finanziellen Situation erstellt werden, betont Susanne Höllinger, Vorstandsvorsitzende der Kathrein Privatbank: „Das ist der Kern einer passenden Anlagestrategie und Basis für eine langfristig erfolgreiche Geldanlage.“

Ähnlich der Tenor anderer Experten. So moniert etwa Eveline Schlick, Leiterin Private Banking Graz beim Bankhaus Krentschker, „dass Anleger oftmals keine persönliche Strategie verfolgen, die jedoch unbedingt zu Beginn jeder Vermögensanlage sehr individuell festgestellt und beibehalten werden sollte“. Auch weiß Schlick, welche Punkte dazu nicht gehören sollten. Angst und Gier etwa seien schlechte Begleiter bei der Vermögensanlage, stellt die Privatbankerin klar. Vielmehr sollte man bewusst rational agieren und die Anlegerpsychologie verstehen, um erfolgreich zu investieren. Allerdings sollten sich Anleger reichlich Zeit für die Festlegung der Strategie nehmen. Schließlich gebe es eine Reihe an Punkten zu berücksichtigen, auf die Kathrein-Chefin Höllinger hinweist. Dazu zählt die langjährige Privatbankerin nebst der Festlegung des Kapitaleinsatzes auch das Alter, die berufliche Situation sowie die gesamte Finanzplanung. Was aber auch deutlich zeigt, dass es an der Börse kein einheitliches Investmentkonzept gibt. Und deshalb, meint Höllinger weiters, sei die Basis für ein erfolgreiches Anlegen stets eine optimal, auf die individuellen Bedürfnisse ausgerichtete Strategie. Und eine gehörige Portion an Disziplin.

Strategien beibehalten

Womit sich bereits ein weiterer klassischer Fehler erahnen lässt. Schließlich sei die Disziplin bezüglich der einmal gewählten Anlagestrategie extrem wichtig, hebt die Kathrein-Chefin hervor: „Und trotzdem weichen Privatanleger davon ab.“ Ein fataler Schritt, der zu unerwünschten Nebenwirkungen bei der Wertentwicklung des Portfolios führen kann. Doch nicht nur die Disziplin zählt. So verweist Schlick vom Bankhaus Krentschker auf die Risikoeinstellung des Anlegers, die mitsamt der Renditeerwartung, der korrekten Liquiditätsplanung des Anlegers und die Diversifikation des Anlagevermögens die Ecksteine seien, die gut platziert werden müssten. So könne der Vermögensaufbau auch in schwankungsreichen Börsenphasen auf festem Fundament stehen. Man müsse sich eben mit der aktuellen Risikokategorie in unterschiedlichen Marktphasen wohl fühlen, betont Schlick. So sollte man zum Beispiel nicht auf einmal schwankungsfreudigeren Strategien hintennachrennen, wenn sich das höhere Risiko nicht mit dem gewählten Anlegerprofil deckt.

Damit stellt sich auch die Frage, weshalb manche Anleger der Versuchung dann doch nicht widerstehen können. Dafür gibt es offenbar aber Gründe, etwa, dass besonders gute Anlageerfolge schlicht auch zu risikoreicheren Investments verleiteten. Ein klassischer Herdentrieb eben, wie Michael Santer, Leiter Private Banking bei der Volksbank Wien, meint: „Die selektive Wahrnehmung führt dazu, dass gerade solche Assets dann besonders attraktiv und wählbar erscheinen, die besonders stark gestiegen sind.“ Deshalb verweist auch Santer auf die Notwendigkeit strukturierter Vorgangsweisen, „das hilft, Fehler durch Einseitigkeiten zu vermeiden“.

Berater als Partner

Deshalb sollte man weder sich selbst, noch dem Berater beim Gespräch etwas vormachen. Nur so lässt sich eine fehlerhafte Einschätzung des Risikoprofils vermeiden. Schließlich seien Bankgeschäfte eine Vertrauenssache, wie Gaston Giefing, Leitung von Raiffeisen Private Banking der Raiffeisen Landesbank NÖ/Wien betont. „Zwischen dem Bankberater und dem Kunden sollte eine persönliche Beziehung aufgebaut werden. Das gelingt nur, wenn man einander offen und kommunikativ begegnet“, meint der Raiffeisen-Experte. In Zeiten, in denen die Märkte bereits stolze Niveaus erreicht haben, die Zinsen allmählich wieder anziehen und geopolitische Ereignisse immer wieder für Störfeuer sorgen, kann dies wichtiger denn je sein. Denn letztendlich ist man in den vergangenen Jahren um ein wenig mehr Risiko nicht herumgekommen. Anders lässt sich nach Abzug der Inflationsrate kaum ein realer Wertverlust vermeiden. „Unseren Kunden ist bewusst, dass sie, angesichts des derzeit niedrigen Zinsniveaus, mehr Risiko in Kauf nehmen müssen, um eine höhere Rendite erzielen zu können“, bestätigt Giefing. Dabei spielt freilich auch der Anlagehorizont eine zentrale Rolle: „Als junger Mensch kann man oft noch sehr aggressiv veranlagen, da man genug Zeit hat, Schwankungen auszugleichen“, sagt Giefing. Je älter man ist, desto konservativer sollte das Portfolio ausgerichtet sein.

Womit sich auch die Frage stellt, wie das erhöhte Risiko abgedeckt wird. Viele Anleger investierten mit höherer Risikobereitschaft bewusst langfristig in ein global diversifiziertes, ausgewogenes Portfolio, verweist Giefing auf einen Lösungsansatz. Bevorzugt werde dabei ein Ansatz, bei dem das Risiko aktiv gemanagt werde. „Mit einer flexiblen Asset Allocation kann auf die herausfordernden Marktverhältnisse eben entsprechend reagiert werden.“ Dabei sollte nicht übersehen werden, dass viele Anleger auch im Rentensegment ein höheres Risiko eingegangen sind, das genau im Auge behalten werden sollte. Gerade weil sichere Anleihen praktisch keine Rendite mehr abwerfen, würden Anleger deutlich schlechtere Bonitäten für ihr Depot in Kauf nehmen, zeigt Bernhard Ramsauer, Vorstandsvorsitzender der Semper Constantia Privatbank, auf, und das teilweise auch im High Yield-Bereich. „Gerne wird dabei aber vergessen, dass diese Anleihen auch deutlich stärker schwanken können und auf negative Nachrichten des Emittenten oder des Sektors viel stärker reagieren“, mahnt Ramsauer.

Fehler eingestehen

Doch manchmal führt selbst eine noch so sorgfältig gewählte Strategie zu Verlusten. Dabei sollte man Fehlgriffe ebenfalls eingestehen können, was aber nicht alle Anleger machen, wie Ramsauer moniert. Vielmehr gehörten zu den bekannten Verhaltensmustern „eine Aversion, Verlustpositionen zu realisieren“. Und da hilft auch nicht immer ein langfristiger Anlagehorizont, um Verluste durchzutauchen, etwa wenn sich ein sehr negativer Ausblick für das Unternehmen abzeichnet. Da könne es womöglich deutlich attraktivere Veranlagungsalternativen geben, meint Ramsauer. Entsprechende Schritte sollten freilich vorher mit dem Berater genau besprochen werden. Doch damit ist mit den klassischen Anlegerfehlern längst nicht Schluss, wie der Chef der Semper Constantia Privatbank aus seiner langjährigen Erfahrung berichtet und verweist auf einen weiteren klassischen Fehltritt: „Dazu gehört die übermäßige Konzentration auf den Heimatmarkt beziehungsweise eine überproportional hohe Gewichtung der Aktien des eigenen Arbeitgebers.“ Der Glaube, bessere Informationen zu besitzen, verleite Anleger dazu, das wichtige Prinzip der Diversifikation zu vernachlässigen.

Auch zu viel Vorsicht bei der Veranlagung kann zu unerwünschten Folgen führen, wie man bei der Volksbank Wien aufzeigt. „Anleger sind heute vorsichtiger, da sie in der Finanzkrise aufgrund banaler Fehler, wie zum Beispiel bei Immobilienaktien, auf die Nase gefallen sind oder es bei anderen Anlegern mitbekommen haben“, resümiert Santer. Das sei aber nicht immer optimal. Denn die von den Kunden gewählte Vorsicht sei „risikoreich“, da sie zu einer einseitigen Veranlagung in zu viel Liquidität führt.

Echte Vorsicht, meint Santer, das wäre eine Veranlagung in eine strukturierte, auf die individuellen Ziele und Bedürfnisse ausgerichtete Asset Allocation, betont der Volksbanken-Profi. Womit sich freilich der Kreis wieder schließt. Nämlich zu den Grundsätzen einer gründlichen Risikoanalyse und einem breit diversifizierten Portfolio – gepaart mit einem entsprechenden Anlagehorizont.