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Physical AI – Von der Software in die physische Welt

April 2026
von Mike Glöckner, Analyst für den Technologiesektor bei der DJE Kapital AG
DJE Kapital AG
Mike Glöckner, DJE Kapital AG

Die Robotik steht 2026 am Wendepunkt: Absehbar ist die Verschmelzung von künstlicher Intelligenz (KI), Sensorik, Daten und physischer Aktorik – der Eintritt der KI in die „Physical Economy“ (Morgan Stanley), nachdem sie zuvor vor allem die Wissensökonomie skaliert hat. Die Erwartungen sind groß: Morgan Stanley prognostiziert, dass sich der globale Robotik-Umsatz von heute rund 100 Mrd. US-Dollar bis 2035 auf etwa 2,6 Bio. US-Dollar erhöhen und bis 2050 weiter auf rund 25 Bio. US-Dollar steigen wird. Das entspräche rund 20 Prozent des heutigen weltweiten Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 115 Billionen US-Dollar.

Humanoide Roboter in der Industrie

Bei Humanoiden ist der Sprung am sichtbarsten: Heute arbeiten Dutzende Unternehmen an der industriellen Skalierung. Besonders dynamisch ist China mit über 150 Unternehmen. In fünf Jahren wurden fast 8.000 Humanoid-Patente in China angemeldet, in den USA etwa 1.500 und in Europa 228. Die Einsatzfelder umfassen Aufgaben, die gefährlich oder repetitiv sind, insbesondere in der Logistik, in Fabriken, Fulfillment-Zentren oder auf Montagebändern. Beim „Gehirn“ vieler Systeme dominiert derzeit NVIDIA mit Jetson- und Robotik-KI-Chips. Der Markt bleibt in Bewegung: So präsentierte Boston Dynamics einen neuen Roboter in Zusammenarbeit mit Google und ARM stellte sich in drei Bereichen, einer Physical AI, neu auf.

Autonome Fahrzeuge stellen derzeit die ausgereifteste Form von Physical AI dar. Waymo (Alphabet) expandiert aggressiv und betreibt Flotten in mehreren US-Städten. Laut Morgan Stanley soll die Zahl der autonom gefahrenen Meilen bis 2030 auf knapp eine Milliarde pro Jahr steigen. China dominiert auch hier: Mit einem Anteil von rund 60 Prozent an weltweit ausgelieferten L2+-Fahrzeugen sammelt das Land besonders viele reale Fahrdaten. Diese gelten als zentraler Rohstoff autonomer Systeme. NVIDIA bietet seit kurzem eine Simulationsumgebung, die eine Alternative zu realen Kilometern darstellt, und damit eine Plattformebene ähnlich wie das Android-Betriebssystem für Smartphones.

Physical AI in der Luft & im Lager

Drohnen und Low-Altitude-Robots sind ein boomender Markt. Der Ukraine-Krieg hat gezeigt, wie kostengünstige und kleinteilige Systeme Militärtechnologien verändern. In der zivilen Nutzung wächst die Anwendung in der Landwirtschaft sowie bei Inspektionen, Vermessungen und in der Logistik. Dort ist der ROI bereits sichtbar. Amazon hat das Verhältnis Mensch:Roboter von 5:1 (2017) auf nahezu 1,2:1 gesenkt und gilt in absoluten Zahlen als weltweit führend. Bis 2027 plant Amazon, rund 40 weitere hochautomatisierte Fulfillment-Zentren zu errichten (bisher sind es fünf). Die Effizienzgewinne werden mit rund 10 Mrd. US-Dollar pro Jahr beziffert. Auch Walmart setzt Roboter auf breiter Basis ein und will bis Ende 2026 rund 65 Prozent der Märkte automatisiert haben.

Schnittstellen schaffen neue Anlagetrends 

Physical AI entwickelt sich zum umfassendsten technologischen Transformationsmotor seit Jahrzehnten und wird die Weltwirtschaft neu ordnen. Für Anleger lassen sich drei Ebenen unterscheiden: Erstens gibt es die Entwickler und Integratoren von Robotern, zweitens die Plattformanbieter für Entwicklung, Training/Simulation und Betrieb (inklusive KI-Modelle) und drittens die spezialisierten Komponentenlieferanten in einer fragmentierten Supply Chain, zu denen beispielsweise Sensoren, Kameras, Chips, Aktuatoren und Motoren gehören. An den Schnittstellen dieser Bereiche entsteht ein Ökosystem mit einem potenziellen Marktvolumen von mehreren zehn Billionen Dollar – und damit einer der bedeutendsten strukturellen Investmenttrends unserer Zeit.