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Europas Start-Ups: Finanzierungen stabilisieren sich

März 2026
Das European Start-up-Barometer 2025 von EY zeigt: Künstliche Intelligenz bleibt das wichtigste Zugpferd, das Vereinigte Königreich die bevorzugte Region.
EY
Florian Haas, EY

Start-ups in Europa erhielten im Jahr 2025 insgesamt fast 62 Milliarden Euro Risikokapital. Damit liegt das Investitionsvolumen zwar deutlich unter den Rekordwerten der Boomjahre 2021 und 2022, als 88 beziehungsweise 75 Milliarden Euro investiert wurden, zeigt aber zugleich eine klare Stabilisierung: Zum zweiten Mal in Folge übertrifft die investierte Summe den Vorjahreswert und deutet darauf hin, dass sich der europäische Start-up-Finanzierungsmarkt nach einem deutlichen Abschwung wieder auf einem hohen Niveau einpendelt. Trotz dieser Erholung bleibt die Finanzierung europäischer Start-ups jedoch unter dem historischen Spitzenwert, und der Markt zeigt ein verändertes Gesicht: Investoren agieren selektiver, prüfen intensiver, Finanzierungsprozesse dauern länger und Kapital fließt zunehmend in weniger, dafür aber deutlich größere Runden.

Einen deutlichen Rückgang gab es hingegen bei der Anzahl der Finanzierungsrunden. Diese erreichte 2025 mit 7.738 Abschlüssen nur den fünft­höchsten Wert im Untersuchungszeitraum der letzten neun Jahre und verzeichnete im zweiten Jahr in Folge einen Rückgang. Gegenüber 2024, als europaweit noch 9.256 Abschlüsse gezählt wurden, entspricht dies einem Minus von rund 16 Prozent. Das sind die Ergebnisse des European Start-up-Barometer 2025 der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY. Die Studie basiert auf einer Analyse der Investitionen in europäische Start-ups. Als Start-ups werden dabei Unternehmen gewertet, die nicht älter als zehn Jahre sind.

„Der europäische Venture Capital-Markt hat sich 2025 spürbar verändert“, sagt Florian Haas, Head of Start-up bei EY Österreich. „Die Zahl der Finanzierungsrunden ist rückläufig, während die durchschnittlichen Tickets deutlich steigen. Das zeigt, wie selektiv der Markt geworden ist: Investoren bündeln ihr Kapital, fokussieren sich stärker auf substanzielle Geschäftsmodelle und bevorzugen Unternehmen, die robuste Fundamentaldaten und klare Skalierungsperspektiven vorweisen können. 2025 war damit ein Jahr der Neuordnung und der bewussten Rückkehr zu Qualität. Kapital fließt wieder – aber unter neuen Bedingungen, mit strengeren Anforderungen und klareren Prioritäten.“

Vor diesem Hintergrund rückt auch die Frage in den Fokus, wie politische Rahmenbedingungen Gründungen und Skalierung in Europa erleichtern können. „Mit der EU Inc setzt die Europäische Kommission ein starkes Signal für ein moderneres und weniger fragmentiertes Gründungsumfeld in Europa“, sagt Haas. „Wenn Gründungen europaweit in 48 Stunden möglich werden und einheitliche Standards die Expansion vereinfachen, profitieren Gründer und Investoren gleichermaßen. Für Länder wie Österreich, die strukturell unterfinanziert sind, kann die EU Inc ein wichtiger Hebel sein, um Wachstum im Land zu halten und internationale Skalierung zu erleichtern.“

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ DOMINIERT

Bei den Investitionsschwerpunkten 2025 steht an erster Stelle die Künstliche Intelligenz (KI), die im Jahr 2025 zum dominierenden Treiber des europäischen Risikokapitals geworden ist. Rund um Unternehmen wie Mistral AI, Nscale, Isomorphic Labs, PhysicsX oder Parloa flossen Milliardenbeträge – ein Niveau, das frühere Rekordphasen in einzelnen Branchen deutlich übertrifft. KI ist damit nicht mehr nur ein Zukunftsthema, sondern die zentrale Säule europäischer Wachstumsfinanzierung, getragen von massiver Nachfrage aus Industrie, Forschung und staatlichen Innovationsprogrammen.

Gleichzeitig erlebt DefenceTech und Dual-Use-Technologie einen bemerkenswerten Aufstieg. Unternehmen wie Helsing, Isar Aerospace oder Quantum Systems zeigen, wie stark sicherheitstechnologische Innovationen durch geopolitische Spannungen, veränderte Bedrohungslagen und europäische Souveränitätsbestrebungen an Bedeutung gewonnen haben. Der Sektor vereint technologische Tiefe mit unmittelbarer politischer Relevanz und avanciert zunehmend zu einem Magneten für internationales Kapital.

Auch der Bereich ClimateTech und EnergyTech wächst weiterhin dynamisch. Länder wie Schweden, die Niederlande und Deutschland treiben Investitionen in Dekarbonisierung, Netzinfrastruktur, nachhaltige Energielösungen und klimarelevante DeepTech-Innovationen voran. Zwar ist die Wachstumsrate im Vergleich zu den überhitzten Boomjahren etwas abgeflacht, doch ClimateTech bleibt ein zentrales Zukunftsvertical, das von der anhaltenden Energiewende, steigenden Effizienzanforderungen und massiver industrieller Transformation getragen wird. Die Nachfrage nach Lösungen für Energieeffizienz, Emissionsreduktion und klimaneutrale Produktion sorgt dafür, dass das Segment zu den strukturell stabilsten Wachstumstreibern Europas gehört.

„Wenn man die großen Finanzierungsrunden des Jahres 2025 betrachtet, erkennt man einen klaren Schwerpunkt: KI, DefenceTech und ClimateTech sind die Wachstumsachsen Europas“, sagt Haas. „Das Kapital fließt dorthin, wo technologische Tiefe, internationale Skalierung und langfristige strategische Relevanz zusammenkommen. Diese Verticals prägen nicht nur die aktuelle Finanzierungslandschaft, sondern werden Europas wirtschaftliche und technologische Position in den kommenden Jahren entscheidend mitbestimmen.“

VEREINIGTE KÖNIGREICH BLEIBT WICHTIGSTE REGION

Das Vereinigte Königreich ist auch 2025 der wichtigste und zugleich reifste Start-up-Standort Europas. Trotz Rückgängen vereint der britische Markt mit rund 19 Milliarden Euro Volumen (-9 %) und insgesamt 2.338 Finanzierungsrunden (-21 %) mehr Investitionen und Volumen auf sich als Deutschland und Frankreich zusammen. Der Standort profitiert dabei von einer ausgeprägten Dichte an internationalen Investor:innen, einem starken Universitäts- und Forschungsumfeld, konsequenten Scale-up-Programmen und einer seit Jahren etablierten Rolle als europäisches FinTech-, DeepTech- und KI-Zentrum. Das durchschnittliche Dealvolumen liegt mit rund 8,2 Millionen Euro pro Runde mit veröffentlichtem Volumen auf einem deutlich höheren Niveau als in vielen anderen europäischen Märkten und signalisiert, dass Großbritannien auch im Jahr 2025 eine einzigartige Kapitaltiefe im europäischen Kontext bietet.

Deutschland folgt mit rund 8,4 Milliarden Euro Volumen (+19 %) und 716 registrierten Finanzierungsrunden (-6 %) an zweiter Stelle. Besonders bemerkenswert ist hier der deutliche Anstieg der durchschnittlichen Dealgröße auf 11,7 Millionen Euro, was Ausdruck einer zunehmenden Spezialisierung, wachsender Investorentiefe und eines verbesserten Übergangs von Start-ups in die Scale-up-Phase ist. Frankreich nimmt mit 7,4 Milliarden Euro (-5 %) und 618 Finanzierungsrunden (-15 %) den dritten Platz ein und bleibt einer der führenden europäischen Standorte, insbesondere in den Bereichen KI, DefenceTech, Life Sciences und CleanTech. Auch mittelgroße, aber hochkapitalisierte Ökosysteme wie die Niederlande und die Schweiz, die rund 4,5 bzw. 3,5 Milliarden Euro an Investitionen verzeichnen, zeigen denselben Trend: weniger, dafür erheblich größere Runden, getragen von internationalen Growth-Investor:innen und spezialisierten Fonds, die zunehmend in Europa aktiv sind.

„Diese Entwicklung zeigt deutlich, wie stark sich die europäischen Start-up-Ökosysteme in Richtung größerer und kapitalkräftiger Finanzierungsrunden verschieben. Investor:innen konzentrieren sich zunehmend auf Unternehmen, die bereits tragfähige Geschäftsmodelle, echte Internationalisierungspotenziale und klare Skalierungspfade vorweisen können“, so Haas.

ÖSTERREICH IM VERGLEICH

Im Vergleich dazu zeigt sich Österreich als aktives, aber deutlich kapitalärmeres Ökosystem. Mit 253 Millionen Euro Finanzierungsvolumen und einem Rückgang um 56 Prozent rutscht Österreich im Jahr 2025 von Platz 15 auf Platz 20 im europäischen Volumenranking zurück. Wesentlich besser ist Österreichs Position im Europa-Vergleich der Anzahl der Runden: 148 Finanzierungsrunden bedeuten Platz 13. Das strukturelle Problem zeigt sich jedoch bei der Kapitaltiefe: Das durchschnittliche Finanzierungsvolumen beträgt lediglich rund zwei Millionen Euro und liegt damit um den Faktor sechs bis acht unter den führenden Märkten Europas.

Während in Deutschland und Frankreich typische Runden bei rund zwölf Millionen Euro und im Vereinigten Königreich bei 8,2 Millionen Euro liegen, erreichen österreichische Start-ups vielfach nur Kleinst- und frühe Wachstumsfinanzierungen. Wachstumsrunden in zweistelliger Millionenhöhe sind selten und bewegen sich selbst im oberen Segment meist weit unter den europäischen Spitzenwerten. Besonders in späteren Phasen weichen österreichische Start-ups daher zunehmend auf internationale Kapitalmärkte aus – nicht aus strategischen Gründen, sondern weil die Kapitaltiefe im Inland nicht ausreicht. Ein zusätzlicher Blick auf Märkte mit ähnlicher Wirtschaftsleistung wie Österreich unterstreicht diese strukturelle Schwäche. In Finnland (8,5 Millionen Euro), Dänemark und Belgien (jeweils 6,4 Millionen Euro) lag die durchschnittliche Ticket-Größe beim Drei- bis Fünffachen von Österreich.

Diese Beispiele zeigen, dass selbst kleinere Ökosysteme mit ähnlicher Wirtschaftsleistung ein höheres Maß an Wachstumskapital mobilisieren können als Österreich. Auffällig dabei ist, dass sich Österreich teilweise gegen den europäischen Trend entwickelt hat. Während in vielen europäischen Start-up-Märkten weniger, dafür größere Finanzierungsrunden stattfinden, zeigt sich in Österreich ein anderes Bild: Die Zahl der Deals bleibt vergleichsweise hoch, die einzelnen Finanzierungsrunden fallen jedoch deutlich kleiner aus.

„Österreich hat ein aktives Gründungsumfeld, aber die Kapitaltiefe bleibt weiterhin deutlich zu gering“, analysiert Haas. „Die Zahl der Deals ist solide, aber die Runden selbst sind viel zu klein, um international mithalten zu können. Für echte Skalierung braucht es mehr Wachstumskapital, insbesondere in späteren Phasen. Es ist kein Mangel an Ideen, sondern ein Mangel an Kapitalgröße, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit begrenzt.“

STÄDTEVERGLEICH

Ein Blick auf die wichtigsten europäischen Start-up-Städte zeigt ein deutliches Gefälle in der Dynamik und Kapitalstärke der Ökosysteme. London bleibt 2025 unangefochtener Spitzenreiter: Mit 1.304 Finanzierungsrunden wurden dort fast so viele Deals gezählt wie in Deutschland und Frankreich zusammen, trotz eines leichten Rückgangs gegenüber dem Vorjahr. Dahinter rangiert das Pariser Île-de-France-Ökosystem mit 347 Runden, gefolgt von Berlin mit 218 Abschlüssen. Auch Amsterdam, Barcelona, Stockholm und Dublin bleiben zentrale Hotspots, die hohe Dealzahlen mit wachsender Kapitaltiefe verbinden.

Beim Finanzierungsvolumen zeigt sich ein ähnliches Bild: London vereint mit rund 14 Milliarden Euro mehr Risikokapital auf sich als Paris, Berlin, München und Amsterdam zusammen. Paris liegt mit 5,5 Milliarden Euro ebenfalls deutlich über dem europäischen Durchschnitt, gefolgt von Berlin und München, die beide Milliardenbeträge mobilisieren.

Wien liegt im europäischen Städteranking deutlich weiter hinten. Mit 86 Finanzierungsrunden rangiert die österreichische Hauptstadt auf Platz 15. Beim Finanzierungsvolumen – 179 Millionen Euro – belegt Wien sogar nur den 54. Platz, was zeigt, dass der Standort zwar eine aktive Gründungsszene, aber weiterhin eine sehr geringe Kapitaltiefe aufweist. „Europa konzentriert sein Wachstumskapital immer stärker auf einige wenige große Hotspots“, führt Haas aus. „Städte wie London, Paris oder Berlin ziehen Milliarden an – und Wien kann bei dieser Kapitalintensität derzeit nicht mithalten. Unsere Start-up-Szene ist aktiv und international vernetzt, aber ohne größere Volumina wird Wien langfristig kaum Chancen haben, im europäischen Städteranking nach vorne zu kommen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, mehr internationale Fonds und größere Tickets nach Österreich zu holen.“

Auch die größte Finanzierungsrunde des Jahres fand in Großbritannien statt: Die Convex Group sammelte rund 1,9 Milliarden Euro ein, das französische KI-Vorzeigeunternehmen Mistral AI erhielt 1,7 Milliarden Euro, das türkische Gaming-Unternehmen Dream Games 1,1 Milliarden Euro. Nscale in London erreichte 977 Millionen Euro, während Your.World in den Niederlanden rund 800 Millionen Euro erhielt. Auch deutsche Scale-ups wie Helsing und Green Flexibility erreichten dreistellige Millionenbeträge und zeigen, dass internationale Fonds in Europa bereit sind, sehr große Tickets zu vergeben.