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Finanzielle Pflegelücke verkleinern

| Januar 2026
Schneller als erwartet, kann man auf die Hilfe anderer angewiesen sein - wegen einer Krankheit, eines Unfalls oder aus Altersgründen. Die staatlichen Leistungen reichen für Pflegedienste oft nicht aus. Mit Pflegeversicherungen lässt sich hier finanziell gegensteuern. Bei der Ausgestaltung und Angebotsbreite gibt es aber viel Luft nach oben.
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Pflegebedürftigkeit kann Familien abrupt oder schleichend treffen: der Schlaganfall des Vaters, der bleibende Schäden hinterlässt; der schlecht verheilte Oberschenkelhalsbruch der Mutter nach ihrem Sturz auf vereistem Gehweg; eine schwere Infektion beim Kind, die sich unerwartet verschlechtert. Oder die Demenz des Partners, die langsam, aber unaufhaltsam fortschreitet – begleitet von der im Alter ohnehin zunehmenden Häufung chronischer Erkrankungen.

Zu Beginn greifen Angehörige zu Sofortmaßnahmen: mobile Hauskrankenpflege, ein medizinischer Pflegedienst auf ärztliche Verordnung oder sie übernehmen selbst Teile der Betreuung – oft zusätzlich zu Beruf und eigenem Familienleben. Ein Platz in der Kurzzeit- oder Übergangspflege wäre eine Entlastung und grundsätzlich meist unkompliziert möglich, aber die Plätze sind vielerorts knapp. Und die entscheidende Frage lautet: Was tun, wenn der Gesundheitszustand langfristig instabil bleibt oder sich sogar rasch verschlimmert? 

Einen Ausweg stellt das staatliche Pflegegeld dar, aber eben keinen Rettungsanker. Über den Leistungsbeginn, den Start der Auszahlung entscheidet das Datum des Antrags auf staatliches Pflegegeld, die ärztliche Begutachtung wiederum über die Höhe. Das Bescheidverfahren dauert oft mehrere Wochen – eine Zeit, in der Familien bereits hohe Kosten stemmen müssen. Zwar wird das Pflegegeld rückwirkend ab Antrag zuerkannt, doch die bis dahin wachsende finanzielle Lücke bleibt real. Bei dauerhaft hohem Pflegebedarf denken viele an eine 24-Stunden-Betreuung über private Vermittlungsagenturen. Förderungen des Sozialministeriums gibt es, sie sind jedoch an die Pflegegeldstufe 3 gebunden und decken nur einen Teil der Gesamtkosten ab.

Die Krux: Für viele Haushalte ist langfristige private Pflege kaum finanzierbar. Selbst mit staatlicher Unterstützung reichen die Mittel für qualitativ hochwertige Pflegedienste und -behelfe oft nicht aus. Ein Beispiel: Hat man seinen ordentlichen Wohnsitz in Niederösterreich und ist alleinstehend und in Pflegestufe 3 mit einem Nettoeinkommen von 1.600 Euro, kostet eine Stunde Pflege und Betreuung 23,16 Euro. Bei der genannten Stufe wird von einem Bedarf von mehr als 120 Stunden monatlich ausgegangen (Quelle: Pflegekostenrechner auf der Webseite des österreichischen Hilfswerks). Es wird einem schnell klar, welche Finanzlücken sich auftun.

In der Praxis führt das dazu, dass Angehörige – überwiegend Frauen – über Jahre hinweg unbezahlte Pflegearbeit leisten. Der Gender-Care-Gap beträgt laut Arbeitsmarktservice (AMS) 43 Prozent, Frauen übernehmen also fast doppelt so viel Care-Arbeit wie Männer (Stand 2024). Österreich liegt damit in Europa im Mittelfeld. Seit 1993 hat sich die Zahl der Pflegegeldbezieher mehr als verdoppelt; 2024 zahlte der Bund an 490.024 Menschen Pflegegeld aus. Prognosen zufolge wird sich diese Zahl bis 2050 erneut nahezu verdoppeln. Insgesamt sind knapp eine Million Menschen in Österreich in die Pflege eines Angehörigen involviert – mit massiven Auswirkungen auf Erwerbsbiografien, Einkommen und psychische Gesundheit, wie die IG Pflege betont.

Demografie belastet

Unklar ist zudem, wie sich die staatlichen Leistungen künftig entwickeln werden. Österreich kämpft mit einem hohen Budgetdefizit – gleichzeitig bleibt die durchschnittliche Lebenserwartung hoch: rund 79,8 Jahre für Männer und 84,3 für Frauen. „Ebenso steigt die Zahl der Singlehaushalte bei sinkender Zahl der Kinder“, sagt Sonja Brandtmayer, Generaldirektor-Stellvertreterin bei der Wiener Städtischen. Nebenbei bemerkt: Die letzten 20 Lebensjahre seien, wie René Knapp, Vorstand für Personenversicherungen bei der UNIQA Insurance Group AG, betont, „meist zur Hälfte oder länger von chronischen Krankheiten und Behinderungen geprägt“. Frauen lebten zwar länger, allerdings mit einer größeren Zahl gesundheitlich belasteter Jahre.

Die Bevölkerungsstruktur macht dem Staat damit sowohl bei den Pensionen als auch bei der Pflege zu schaffen. „Bis 2040 steigt der Anteil der über 65-Jährigen in Österreich von 19,7 auf 26,7 Prozent – und die Erwerbsbevölkerung schrumpft. Das setzt umlagefinanzierte Sicherungssysteme unter Finanzierungsdruck und verstärkt den Fach- und Arbeitskräftemangel“, so Knapp. Während 1950 noch sechs Erwerbstätige auf eine Person im Pensionsalter kamen, sind es heute drei – 2040 werden es nur noch zwei sein.

Angesichts dieser Entwicklungen betonen Versicherer, dass private Vorsorge unabdingbar sei, je früher, desto besser. Große Anbieter wie UNIQA, Donau, Wiener Städtische, Generali und Merkur haben Pflegeversicherungen im Programm. Fast immer ausgeschlossen sind Leistungen bei Kurzzeitpflege und – verständlicherweise – bei Suchtmittelmissbrauch oder gerichtlich strafbaren Handlungen oder bei vorsätzlich herbeigeführten Schäden.

Eine zentrale Rolle spielt nach Angaben der Donau Versicherung die Pflicht des Versicherungsnehmers, die Versicherung vollständig und ehrlich über das versicherte Risiko zu informieren. Vorerkrankungen, Behandlungen, der Grad der Pflegebedürftigkeit oder der Abschluss weiterer Krankenversicherungen müssen vor Vertragsabschluss und während der Vertragslaufzeit offengelegt werden. Auch im Leistungsfall ist der Versicherungsnehmer verpflichtet, zur Feststellung des Versicherungsfalles und seiner Folgen mitzuwirken, indem ärztliche Unterlagen sowie behördliche Nachweise vorgelegt werden.

Trotz allem bleibt die Nachfrage niedrig. „Weniger als ein Prozent der österreichischen Bevölkerung verfügt über eine Pflegeversicherung“, schätzt Brandtmayer. Ein Grund: Viele verdrängen das Thema, es sei denn man ist direkt im Umfeld oder aufgrund von Pflegefällen in der Familie mit dem Thema konfrontiert. Auch wird das Risiko unterschätzt, und viele schieben die Planung auf die lange Bank, weil sie sich aktuell gesund fühlten. „Was keinesfalls vergessen werden sollte: das Schicksal Pflegebedürftigkeit kann auch in jüngeren Jahren zuschlagen, etwa infolge eines Unfalls“, warnt der Versicherer. Der Wiener Städtischen liege deshalb die gezielte Aufklärung sehr am Herzen, „wir kooperieren seit Jahren mit zahlreichen Gesundheitsdienstleistern und Hilfsorganisationen, um für das Thema zu sensibilisieren“.

Defizite bei produkten

„Richtig, die Pflegeversicherung wäre eigentlich ein Must-Have, wenn es nur coole Produkte gäbe“, moniert Finanzberater Florian Märzendorfer von der Linzer dieFinanzplaner GmbH, die unter dem Markennamen FiP.S auftritt und sich auf Jungakademiker spezialisiert hat. Die Kritik zielt vor allem auf die mangelnde Produktvielfalt: „Praktisch alle Produkte sind am staatlichen System orientiert, wie eine Art Koppelprodukt. Stand-Alone Pflegeprodukte, die leistbar sind und sich am ADL-Schema nach Punkten und nicht nach Stunden orientieren, sucht man vergeblich“, bedauert der Vermittler.

ADL-Produkte (Activities of Daily Living) richten sich an Kunden, die eine international übliche Definition von Pflegebedürftigkeit bevorzugen, wo Pflegebedürftigkeit anhand konkreter Funktionsverluste bemessen wird, unabhängig von nationalen Pflegestufensystemen. Für Menschen, die international leben oder flexibel bleiben wollen, wäre so ein Modell besonders attraktiv, meint die Generaldirektor-Stellvertreterin bei der Wiener Städtischen – und bestätigt, dass ADL-Modelle eine Zielgruppe hätten, „die eine international übliche Definition von Pflegebedürftigkeit bevorzugen“.

pflegeversicherung

Ein weiterer Grund für die geringe Verbreitung offenbart ein Blick auf die Kosten dieser Risikoabsicherung. „Pflegebedürftigkeit im Alter wird immer wahrscheinlicher. Die damit verbundenen monatlichen Kosten sind in der Regel sehr hoch. Dies spiegelt sich auch in den Prämien für entsprechende Versicherungsprodukte wider“, erklärt UNIQA-Experte Knapp. Die Versicherer kämpfen damit, dass die Wahrscheinlichkeit eines Leistungsfalls im hohen Alter enorm steigt – und damit auch die benötigten Rückstellungen. Anders als etwa in Deutschland existieren in Österreich keine staatlich geförderten Pflegezusatzversicherungen. 

Was könnten Auswege aus dem Dilemma sein? „Eine mögliche Entwicklung könnten Produkte sein, die zwar ein eingeschränktes oder angepasstes Leistungsspektrum bieten, aber dennoch eine Unterstützung im Pflegefall leisten, beispielsweise mit temporär befristeter Leistung“, sagt Knapp. So könnte man die monatlichen Prämien in Grenzen halten. Er kann sich vorstellen, dass steuerliche Begünstigungen oder staatliche Förderungen Anreize für die private Absicherung schaffen würden. 

Welche Lösungen bieten die Pflegeversicherungen der Wiener Städtischen und der UNIQA? Letztgenannte ist mit zwei Produkten unterwegs, die sich am staatlichen Pflegegeld orientieren und ab Stufe 4 eine monatliche Pauschale leisten. Die Argumentationslinie des Versicherers: Ab dieser Stufe entsteht üblicherweise ein dauerhafter und professioneller Pflegebedarf. Die Leistungen darunter gelten als niederschwellig und werden häufig durch Angehörige oder ambulante Dienste abgedeckt. Daher fokussiere man sich auf die „existenzbedrohende“ Phase der Pflegekosten, um die Prämien kalkulierbar zu halten. Bei den Pflegeprodukten in der Krankenversicherung gibt es bei dem Versicherer keinen Rückkaufswert. Jedoch bestehe beim Tarif „CarePlus Optimal“ zusätzlich Versicherungsschutz bei schweren Krankheiten.

Auch die Wiener Städtische bleibt mit ihrer Lösung eng am staatlichen System, bietet jedoch eine große Bandbreite an Konfigurationen. Von Eco (Leistung ab Stufe 6) bis Premium (ab Stufe 1) können Kunden flexible Bausteine in 25-Prozent-Schritten kombinieren – bis zu 400 Prozent des staatlichen Pflegegelds sind möglich. Damit soll ein individuelles Paket geschnürt werden können, „das das staatliche Pflegegeld sinnvoll ergänzt und Angehörige im Pflegefall entlastet – sowohl finanziell als auch organisatorisch“.

Versicherer anderswo setzen zusätzlich auf Kapital- oder Hybridmodelle, bei denen angesparte Beträge als Pflegerente umgewandelt oder – bei Nichtbedarf – vererbt werden können. Diese Modelle sind noch selten, aber stark im Kommen. Internationale Versicherer bieten zudem Polizzen, die sowohl Berufsunfähigkeit als auch Pflege in einem Kombiprodukt abdecken – ein Markttrend, der auch in Österreich forciert werden könnte.