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Ist der Ölpreisschock ein Grund zur Panik?

März 2026
Warum Besonnenheit im aktuellen Umfeld die härteste Währung ist, erklärt Harald Besser, Portfoliomanager bei der Kathrein Privatbank.
Kathrein Privatbank
Harald Besser, Kathrein Privatbank

Es sind Bilder, die niemanden kalt lassen. Die Nachrichten, die uns in diesen Tagen aus dem Nahen Osten erreichen, führen uns erneut das menschliche Leid vor Augen, das Kriege unvermeidlich mit sich bringen, konstatiert Harald Besser, Portfoliomanager bei der Kathrein Privatbank. Das Geflecht aus religiösen Strömungen, ethnischen Bruchlinien – von Kurden über Belutschen bis zu den Machtzentren in Teheran – und historischen Feindschaften ist für Außenstehende oft kaum zu durchschauen.

Doch an den Finanzmärkten herrscht eine andere, kältere Logik. Hier werden diese geopolitischen Tragödien primär durch eine Variable übersetzt: den Ölpreis. Und dieser wird aktuell von einem Faktor bestimmt, der vielen Anlegern in der Hektik der Schlagzeilen entgeht: Es gibt eigentlich Öl im Überfluss.

Vor dem Ausbruch der aktuellen Eskalation befanden sich die Ölmärkte in einer komfortablen Situation. Wir sahen einen globalen Angebotsüberschuss von rund 3 bis 4 Millionen Fass pro Tag (Bloomberg, 5.3.2026). Die Lager waren gefüllt, die Weltwirtschaft gut versorgt. Doch dieses Gleichgewicht steht und fällt mit einem einzigen geographischen Punkt: der Straße von Hormuz. Wenn dieses Nadelöhr, durch das etwa 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung fließen, „gedrosselt“ wird, trifft das vor allem die importabhängigen Volkswirtschaften in Asien und Europa hart. Die USA hingegen können sich weitgehend selbst versorgen.

WO STEHEN WIR HISTORISCH?

Um die aktuelle Aufregung einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf die langfristige Entwicklung des Ölpreises seit der Jahrtausendwende (alle Angaben Bloomberg, 5.3.2026).

Die 1990er Jahre: Geprägt durch die Asienkrise erlebten wir eine Niedrigpreisphase mit einem Tiefstand von 10,65 US-Dollar (WTI) im Jahr 1998.

2001–2008: Der Rohstoff-Superzyklus, getrieben durch den China-Boom, führte zu einem massiven Anstieg von 17,10 US-Dollar auf das Allzeithoch von rund 147 US-Dollar im Juli 2008.

2008/2009: Im Zuge der Finanzkrise und des damit verbundenen Nachfrageeinbruchs folgte der Absturz auf ca. 35 US-Dollar in nur fünf Monaten.

2020: Die COVID-19-Pandemie und die Lockdowns sorgten für einen historischen Einbruch, bei dem WTI-Futures kurzzeitig sogar in den negativen Bereich fielen (-37,63 US-Dollar).

2022: Der Russland-Ukraine-Krieg trieb den Preis aufgrund von Sanktionsängsten auf knapp 130 US-Dollar (Brent), gefolgt von einer Preisdeckelung durch die G7.

Diese historische Einordnung ist wichtig: Selbst der aktuelle Anstieg auf über 80 US-Dollar ist im historischen Vergleich kein Extremereignis, sondern eine Rückkehr in bekannte Handelsspannen.

Die entscheidende Frage ist weniger, wie lange der Krieg sich hinzieht, als wie lange die Straße von Hormuz blockiert bleibt. Je länger die Lieferunterbrechung andauert, desto gravierender wären die Auswirkungen; Inflationssorgen und mögliche Änderungen der Zinspfade der Zentralbanken sind darin eingeschlossen.

QUALITÄT STATT TIMING

In solchen Phasen ist die Versuchung groß, das Depot radikal umzubauen oder auf den „perfekten Moment“ für Ein- oder Ausstiege zu warten. Doch Markettiming ist in geopolitischen Krisen fast unmöglich. Die Märkte reagieren oft binnen Stunden – schneller, als jeder Privatanleger handeln kann. Ein Schutz vor diesen kurzfristigen Einflüssen ist kaum möglich. In Zeiten sinkender Märkte oder geopolitischer Unsicherheit zeigt sich die wahre Qualität einer Veranlagung. Solide Finanzen, geringe Verschuldung und starke Marktpositionen von Unternehmen werden jetzt honoriert. Wer über eine professionelle, diversifizierte Asset-Allokation verfügt, muss die hektischen Bewegungen der Tagespolitik nicht fürchten – er muss sie nur aushalten.