Anhaltender Gegenwind etwa durch geopolitische Spannungen, die vielerorts zu beobachtende Gegenreaktion auf ESG (Ökologie, Soziales und Unternehmensführung), regulatorische Rückschritte und uneinheitliche Ergebnisse belasten die Investmentbereitschaft der Anleger“, sagt Hortense Bioy. Die Leiterin des Sustainable Investing Research bei Morningstar Sustainalytics fügt hinzu: „Die Entwicklung der ESG-Fondsströme sieht nicht gut aus.” Weltweit verzeichneten nachhaltige Fonds – aktiv verwaltete und börsengehandelte – 2025 Nettoabflüsse in Höhe von 84 Milliarden US-Dollar. Im Jahr zuvor konnten noch Nettozuflüsse in Höhe von 38 Milliarden US-Dollar verbucht werden (siehe Grafik unten).
Gleichzeitig weist Bioy darauf hin, dass die Zahlen etwas verzerrt sind. Denn große institutionelle Investoren aus Europa, insbesondere aus dem Vereinigten Königreich, haben Vermögenswerte aus gepoolten ESG-Fonds in maßgeschneiderte ESG-Mandate umgeschichtet. Das hat einen Großteil der Abflüsse ausgemacht. Evgeny Ostrer, Portfoliomanager Fixed Income bei Warburg Invest, bestätigt diese Aktivitäten und weist noch darauf hin, dass die „Abflüsse größtenteils bei Aktienfonds zu verzeichnen waren, während Fixed-Income- und Multi-Asset-Strategien weiterhin Zuflüsse aufwiesen“. Zudem gab es bei den Mittelabflüssen von ESG-Fonds laut Ostrer mit den USA und Asien regionale Schwerpunkte.
„Dennoch bin ich überzeugt, dass das Thema Nachhaltigkeit und Verantwortung in der Geldanlage langfristig eher an Bedeutung gewinnen als verlieren wird“, zeigt sich nicht nur Mathias Pianowski zuversichtlich. Der Leiter Strategie und Nachhaltigkeit, Kommunikation, Marketing bei Ökoworld betont: „Zwar ist nachhaltige Geldanlage im globalen Kapitalmarkt immer noch eine Nische – aber diese Nische ist groß genug für spezialisierte Anbieter“ und meint damit natürlich insbesondere das eigene Haus.
„Wir nehmen insgesamt wieder ein höheres Bewusstsein für Nachhaltigkeit unter Anlegern wahr. Sie stellen sich zunehmend die Frage, wo und wie ihr Geld angelegt wird“, stößt Franziska Peter, Spezialistin für Investmentfonds bei GLS Investments in dasselbe Horn. Und Ostrer verweist auf Umfragen, die bei Privatinvestoren ein starkes Interesse an nachhaltigen Investments bestätigen und eine stärkere Allokation bei ESG-Investments in den kommenden Jahren prognostizieren. „Nachhaltige Geldanlagen sind kein Randthema mehr: Mehr als jeder Zweite kennt sie inzwischen“, gibt Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands, ein zentrales Ergebnis einer im vergangenen Jahr durchgeführten repräsentativen Online-Befragung in Deutschland wieder. Vor sechs Jahren war es erst jeder Dritte (siehe Grafik).
Anleger für verbote
Eine repräsentative, etwa zeitgleiche Online-Umfrage der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) beziffert die Zahl der Interessenten sogar auf rund zwei Drittel. Mehrheitlich ist es für die an Nachhaltigkeit interessierten Befragten wichtig, dass nachhaltige Finanzprodukte bestimmte Vorgaben bzw. Vorschriften erfüllen: Konkret wünscht man sich einen Mindestprozentsatz an nachhaltigen Investitionen sowie ein Verbot von Investitionen vor allem in geächtete Rüstungsgüter und von Menschenrechtsverletzungen. Selbstverpflichtungen der Produktanbieter hält nur gut jeder Fünfte für ausreichend.
„Für uns sind Ausschlüsse keine Marketingaussage, sondern gelebte Praxis“, antwortet Lars Konrad, Chief Investment Officer bei Arete Ethik Invest auf die Frage nach der hauseigenen Umsetzung. „Geächtete Waffen, Kohleförderung, schwere Menschenrechtsverletzungen – das sind rote Linien ohne Kompromiss“, ergänzt Konrad. Jedes Investment wird demnach kontextspezifisch vom Ethikanalysten-Team geprüft; die finale Entscheidung trifft dann ein unabhängiges, wissenschaftlich plural besetztes Ethik-Komitee. Wirkung entstehe zudem durch gezieltes Engagement und die Auswahl von Unternehmen, deren Produkte gesellschaftlichen Sinn stiften.
Andreas Steinert, Head of ESG Business/Responsible Investment Specialist bei Amundi weist auf die eigene Global Responsible Investment Policy auf Ebene der Unternehmensgruppe hin. Die dort niedergelegte Ausschlusspolitik behandelt auch die genannten Aktivitäten und gilt für alle aktiven Publikumsfonds und ESG ETFs von Amundi. Und was bedeutet das konkret? „Schwere Menschenrechtsverstöße, verbotene Waffen sind ausgeschlossen, ebenso Unternehmen, die weiter Kohleabbaukapazitäten ausbauen und Minenunternehmen sowie Unternehmen, die Kohle zur Stromerzeugung nutzen, oberhalb gewisser Schwellenwerte“, erläutert Steinert. Zudem sieht sich die Investmentgesellschaft als führender Impact-Investor in Europa mit einer großen Bandbreite an Impact-Lösungen: angefangen bei Fonds, die in grüne und soziale Anleihen investieren, über Netto-Null-Fonds mit aktiven oder passiven Anlagekonzepten, die die CO2-Reduktionspfade nach dem Pariser Klimaabkommen abbilden bis hin zu liquiden Infrastruktur-Themenfonds und Private-Equity-Produkten.
„Bei uns können sich Anleger sicher sein, dass ausschließlich in sozial-ökologisch nachhaltig agierende Unternehmen investiert wird. Menschenrechtsverletzungen, Waffen und Kohle sind ohne Wenn und Aber ein No-Go“, betont die Fonds-Spezialistin bei GLS Investments. Auch sie verweist in diesem Kontext auf die Anlage- und Finanzierungsgrundsätze der Unternehmensgruppe. Dort ist klar definiert, welche Geschäftsfelder und -praktiken als nicht-nachhaltig erachtet und deshalb ausgeschlossen werden. Ebenso sind die Branchen und Geschäftspraktiken, die eine positive Wirkung in puncto Nachhaltigkeit erzeugen, dort festgelegt, erläutert sie. Eine Besonderheit im Rahmen des Research- und Anlageprozesses ist der GLS Anlageausschuss, der interdisziplinär mit internen und externen Nachhaltigkeitsexperten besetzt ist und diskutiert, ob ein Investment wirklich nachhaltig ist.
Mehrwert Anlageausschuss
Pianowski von Ökoworld hebt ebenfalls den unabhängigen Anlageausschuss von Ökoworld hervor. Das Gremium wurde jüngst neu besetzt, bringt zusätzliche Perspektiven und Expertise ein und entscheidet über die Nachhaltigkeitsqualität von Unternehmen. Die eigenen Ausschlusskriterien nennt der Leiter Strategie klar und konsequent und macht dies an drei Beispielen fest: Bei Rüstungsgütern wird nicht zwischen „guten“ und „schlechten“ Waffen unterschieden. Vielmehr sind alle Waffen tabu. „Bei Kohle gehen wir über viele gängige Marktstandards hinaus und berücksichtigen auch weitere fossile Energieträger“, ergänzt Pianowski und fügt hinzu, dass Unternehmen mit gravierenden Menschenrechtsverletzungen oder anderen schweren Verstößen grundsätzlich ausgeschlossen sind.
„Die Betrachtung von Nachhaltigkeit im Sinne einer Transformation und die Konzentration auf die Zukunftsfähigkeit von Geschäftszweigen sind die Basis unseres Investmentprozess“, sagt Karin Kunrath, Chief Investment Officer bei Raiffeisen Capital Management. Themen wie Verstöße gegen Umweltschutz, gegen Menschen- und Arbeitsrechte sowie Korruption oder Rüstung werden im Rahmen der RCM Policy zu Kontroversen und sensiblen Geschäftsfeldern auch mittels externer Quellen beurteilt, erläutert Kunrath. So soll sichergestellt werden, dass kritische Themen wie Kohle oder kontroverse Waffen vermieden werden. „Aktives Engagement ist ein Eckpfeiler einer verantwortungsvollen und auf die Transformation ausgerichteten Anlagepolitik“, sagt der CIO. Dabei wird das Ziel verfolgt, über Unternehmensdialoge und Stimmrechtsausübung Verhaltensänderungen zu erreichen.
„Wir haben einen nachhaltigen ESG-Investment-Mindeststandard entwickelt, der auch für unsere nicht-nachhaltigen Fonds gilt“, sagt Ostrer von Warburg Invest. Zu den Ausschlusskriterien des Mindeststandards gehören demnach die Verwicklung in sehr schwerwiegende unternehmerische Kontroversen oder eine sehr hohe CO2-Intensität. „Unsere nachhaltigen Fonds streben darüber hinaus noch einen nachhaltigen Impact an – dabei werden verschiedene Ansätze verfolgt“, ergänzt der Portfoliomanager Fixed Income und nennt beispielhaft einen nachhaltigen Anleihefonds, der fast ausschließlich mithilfe sog. zweckgebundener Anleihen in Projekte von Firmen zur Verbesserung der Umwelt investiert.
nachhaltigkeitsleader oder grüne themen?
Sind es künftig eher Nachhaltigkeitsleader oder grüne Themen, die Ertragschancen eröffnen? Erneuerbare Energien, Elektromobilität oder nachhaltige Landwirtschaft bieten nach Einschätzung des CIO von RCM erhebliche Wachstumschancen. Generell gilt aber, sagt Kunrath, „dass Unternehmen, die nachhaltig ausgerichtet sind, meist zukunfts- und tragfähigere Geschäftsmodelle besitzen sowie starke Governance-Strukturen und langfristige Strategien aufweisen, die sich schlussendlich positiv auf die Performance auswirken.
„Wer nur auf grüne Sektoren setzt, tappt in die nächste Themenfalle“, sagt Konrad und erklärt: „Erneuerbare Energien haben gezeigt: Auch grüne Branchen können kapitalintensiv, zinsabhängig und spekulativ sein. Ertragschancen entstehen nicht durch ein Label, sondern durch wirtschaftliche Entwicklungen.“ Demgegenüber könne ein Pharmaunternehmen mit sozial integrer Wertschöpfung oder ein Softwarehaus mit herausragender Governance aus ethischer Sicht wertvoller und aus finanzieller Sicht rentabler sein als jeder Windparkbetreiber. „Wir suchen branchenübergreifend Qualitätsunternehmen mit starken Wachstums-eigenschaften und hohem ethischen Profil“, betont der CIO Arete Ethik Invest und neuer Lead-Fondsmanager der PRIME VALUES Fonds.
„Wir sehen starkes Interesse für beide Ansätze, im Private-Assets-Markt spielen z. B. sogenannte nature based investments eine immer größere Rolle“, sagt Steinert. Bei ETFs gebe es weiterhin eine große Nachfrage nach nachhaltigen Fonds, und zwar in allen wesentlichen Indexklassen. „Allerdings werden eher die Varianten mit einem niedrigen Tracking Error zum Mutterindex gewählt“, ergänzt der Amundi-Experte.
„Ein Best-in-Class-Ansatz ist als Investmentansatz für die Selektion von ESG-konformen Wertpapieren nicht ausreichend“, sagt Peter und führt weiter aus: „Branchen, die schädlich für Umwelt und den Menschen sind, wie die Rüstungs- oder Ölindustrie, können per se nicht nachhaltig sein und die Berücksichtigung von „Nachhaltigkeitsleadern“ in einer dieser kritischen Branchen ist für uns Augenwischerei.“ Vielmehr setze man auf die Branchen und Themen, die besonders zu einer nachhaltigen Transformation der Wirtschaft beitragen.
Zum einen entstehen große Wachstumsfelder rund um Themen wie Energiewende, Ressourceneffizienz oder nachhaltige Infrastruktur. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Studien, dass nachhaltige Unternehmen langfristig häufig stabiler und erfolgreicher wirtschaften. Für den Ökoworld-Experten ergeben sich Ertragschancen daher grundsätzlich in beiden Fällen. „Vielmehr spiegeln nachhaltige Unternehmen schlicht die Geschäftsmodelle der Zukunft wider“, betont Pianowski. Entscheidend bleibt für ihn jedoch das aktive Stockpicking – denn kurzfristig könnten auch nachhaltige Investments positive oder negative Entwicklungen nehmen. „Genau hier liegt eine unserer Kernkompetenzen“, sagt der Leiter Strategie und bringt die Anforderung für künftige Investments auf den Punkt: „Man muss die richtigen Unternehmen zum richtigen Zeitpunkt identifizieren.“

