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Wohin steuert Japan?

Februar 2026
Welche Folgen ein gestärktes politisches Mandat der amtierenden Premierministerin für Wachstum, Inflation und Finanzmärkte hat – und welche nicht, erläutert Tomoya Masanao, PIMCO.
PIMCO
Tomoya Masanao, PIMCO

Der historische Wahlsieg der regierenden Liberaldemokratischen Partei in Japan verschafft Premierministerin Sanae Takaichi das stärkste Mandat in der Nachkriegsgeschichte des Landes und weckt Hoffnungen auf eine wachstumsorientierte Politik. So lautet das klare Fazit von Tomoya Masanao, Head of Asia-Pacific Portfolio Management bei PIMCO. Er vertieft seine Einschätzung im aktuellen Kommentar:

Politische Klarheit garantiert noch keine Sicherheit an den Märkten. Für Anleger bleiben trotz der entschlosseneren Ausrichtung offene Fragen hinsichtlich des Umfangs und der Größenordnung fiskalischer Maßnahmen, des Schuldenmanagements, des Tempos einer geldpolitischen Normalisierung und der Außenpolitik. Wie mit diesen „bekannten Unbekannten“ umgegangen wird, wird entscheidend dafür sein, ob die Märkte den Optimismus nach den Wahlen in Japan bestätigen oder infrage stellen.

Die Zweidrittelmehrheit der LDP verschafft Takaichi die Möglichkeit, ihre Position innerhalb der Partei zu festigen. Gleichzeitig stärkt sie die Nachhaltigkeit ihrer Agenda und erhöht den Druck auf die Märkte, die beurteilen müssen, ob die Regierung ihre Ambitionen tatsächlich umsetzen kann.

Die Wählerzustimmung zu einer wachstumsorientierten Strategie reflektiert die jahrelange Frustration über wirtschaftliche Stagnation. Das schwache Wachstum hat Einkommen und Vermögensaufbau der Haushalte belastet. Importpreisschocks während der Pandemie, schleppende Lohnerhöhungen und eine schwächere Währung haben zudem den Lebensstandard weiter beeinträchtigt.

Vor diesem Hintergrund stößt Takaichis Ansatz einer „verantwortungsvollen, proaktiven Finanzpolitik“ bei den Haushalten auf Zustimmung, insbesondere ihre Argumentation, dass finanzielle Nachhaltigkeit letztlich von stärkerem Wachstum abhängt. Damit wird die verbreitete Annahme infrage gestellt, dass Japans Wachstumshemmnisse in erster Linie finanzieller Natur sind. Ihr Fokus auf Investitionen in Verteidigung und Energie sowie auf wachstumsorientierte Technologieprojekte ist sowohl wirtschaftlich nachvollziehbar als auch politisch attraktiv. Für Investoren bleibt jedoch offen, ob die Umsetzung den Absichten gerecht werden kann. Sie sehen sich einer Reihe unbeantworteter Fragen gegenüber, die den künftigen politischen Kurs maßgeblich bestimmen werden.

UMFANG BLEIBT UNGEWISS

Erstens bleiben Umfang und Ausmaß der fiskalischen Investitionen ungewiss. Der Haushalt für 2026 steht weitgehend fest, doch weitere Details zur Wachstumsstrategie werden erst im Juni erwartet. Die wirtschaftlichen Auswirkungen werden davon abhängen, ob die Investitionen die Produktivität schnell genug steigern, um zusätzlichen Inflationsdruck und höhere Zinsen in einem postdeflationären Umfeld zu vermeiden. Fiskalische Impulse kurbeln die Nachfrage kurzfristig an, während Produktivitätsgewinne durch Investitionen in Technologien wie KI langsamer wirken und nur dann greifen, wenn sie durch Deregulierung und ergänzende Reformen unterstützt werden.

Ein zweiter Unsicherheitsfaktor betrifft dauerhafte oder semi-dauerhafte Haushaltsausgaben. Die von Takaichi befürwortete vorübergehende Senkung der Verbrauchssteuer auf Lebensmittel ist zwar geringfügig, doch eine Verlängerung könnte die langfristige Schuldenentwicklung Japans verändern. Ebenso könnten nachhaltige Erhöhungen der Verteidigungsausgaben über die derzeitigen zwei Prozent des BIP hinaus dauerhafte Auswirkungen haben.

Drittens bleibt die Schuldenpolitik unklar. Die japanischen Staatsanleihemärkte reagierten bereits negativ auf die allgemeine Besorgnis über die Glaubwürdigkeit der Finanzpolitik. So stieg die Rendite 40-jähriger Anleihen kurzfristig auf vier Prozent, nachdem die Idee einer Verbrauchssteuer aufkam. Dieser Anstieg war übertrieben und wurde durch ein technisches Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage noch verstärkt. Eine klare Kommunikation und flexible Emissionen seitens des Finanzministeriums könnten dazu beitragen, die Belastungen an den Märkten im Zuge der politischen Entwicklungen abzumildern.

Viertens sorgt die Geldpolitik für zusätzliche Unsicherheit. Japan befindet sich nicht mehr in einer Deflation, und die Inflation liegt nahe dem Zielwert der Bank of Japan von zwei Prozent, wobei die Risiken eher nach oben tendieren. Dies spricht für eine schrittweise Normalisierung der Geldpolitik. Jede Wahrnehmung, dass die Fiskalpolitik die Handlungsfreiheit der BOJ einschränkt, könnte die Inflationserwartungen nach oben treiben und die Volatilität langfristiger japanischer Staatsanleihen erhöhen.

Fünftens ergibt sich eine Herausforderung aus der Außenpolitik. Während das Bündnis mit den USA weiterhin zentral bleibt, gewinnt die Vertiefung der Beziehungen zu regionalen Partnern zunehmend an Bedeutung. Die wirtschaftliche Nähe zu China macht es dringend erforderlich, bilaterale Spannungen zu bewältigen, auch wenn Takaichi die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten stärkt und eine schrittweise Verringerung der wirtschaftlichen Abhängigkeit von China verfolgt.

Die Marktdynamik spiegelt bereits die Spannungen wider, die mit diesen Unsicherheiten verbunden sind. Steigende Renditen japanischer Staatsanleihen deuten darauf hin, dass Anleiheinvestoren eine Prämie für das politische Risiko verlangen, während die Aktienmärkte offenbar von einer reibungsloseren Lösung der verbleibenden Unbekannten ausgehen. Für Anleger ist die entscheidende Frage nicht, ob die Absichten der Regierung wachstumsfördernd sind, sondern ob ihre Umsetzung die Inflationserwartungen stabilisieren, die Glaubwürdigkeit der Finanzpolitik bewahren und unnötige Anstiege der Laufzeitprämien – also der zusätzlichen Renditen für längerfristige Anleihen – begrenzen kann. In diesem Sinne geht es in Japan nach dem Erdrutschsieg weniger um das Mandat selbst als darum, wie die Märkte die noch offenen Fragen einschätzen.