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Worauf es im 1. Quartal ankommt

Januar 2026
Thomas Kößler, Schoellerbank, geht auf regionale Chancen sowie Entwicklungen ein und erläutert, weshalb der KI-Boom noch nicht zu Ende ist.
Schoellerbank
Thomas Kößler, Schoellerbank

Das vergangene Jahr wird angesichts der geopolitischen Umbrüche in die Geschichtsbücher eingehen. Der Beginn der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump hat sich als weitaus turbulenter und disruptiver erwiesen als die meisten Analysten erwartet hatten, so das klare Fazit von Thomas Kößler, Investment Strategy – Leiter Anleihen & Währungen bei der Schoellerbank. In seiner aktuellen Analyse erläutert Kößler Chancen und Risiken.

Das Handeln hat ein politisches und wirtschaftliches Erdbeben an den Börsen ausgelöst – nur gemildert durch den KI-Boom. Unternehmen und Finanzmärkte haben sich dennoch rasch an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst. Gleichzeitig sind die Vorzeichen für das neue Veranlagungsjahr durchaus vielversprechend. Die Weltwirtschaft dürfte 2026 in einem ähnlichen Tempo wachsen wie im abgelaufenen Jahr. Zwar gibt es in den USA angesichts eines Haushaltsdefizits von über sechs Prozent des BIP keinen Spielraum für eine weitere „One Big Beautiful Bill“, doch die Nachholeffekte der vor dem Sommer 2025 verabschiedeten Fiskalmaßnahmen werden sich erst 2026 voll entfalten. Zudem bleiben weiterhin viele Länder in Asien auf der Überholspur, die zunehmend die Rolle als globale Wirtschaftsmotoren übernehmen.

Die Region Südostasien profitiert stark von der Neuordnung globaler Lieferketten. China befindet sich in einer strukturellen Transformation mit Fokus auf „hochwertigem“ Wachstum und einer technologischen Unabhängigkeit. Für China, aber noch mehr für die USA, bleiben Handelskonflikte ein potenzieller Belastungsfaktor. China ist in vielerlei Hinsicht besser positioniert für einen Handelskonflikt. Als Beispiel dienen Halbleiter: Die USA kontrollieren das Endprodukt – die Chips –, aber China kontrolliert den Input – die Rohstoffe, aus denen Chips gefertigt werden. Der Wettbewerb im Rennen um die globale technologische Vormachtstellung wird sich weiter intensivieren, mit einem klaren Schwerpunkt Chinas auf KI-Anwendungen und einem US-Fokus auf KI-Modelle.

Das größte Aufholpotenzial im globalen Wettstreit um Wachstum hat Europa. Nach den ambitionierten Ankündigungen des Jahres 2025 – insbesondere Deutschlands „Fiskal-Bazooka“ und neue Verteidigungsinitiativen – muss 2026 zum Jahr der Umsetzung werden. Europa hat mit seiner eigenen politischen Fragilität zu kämpfen, das institutionelle und demokratische Umfeld wirkt jedoch solider als das in den USA. Ein Beispiel dafür ist die Europäische Zentralbank (EZB). Angesichts ihres Aufbaus wird die Zentralbank nur höchst unwahrscheinlich für die Art politischer Einflussnahme anfällig sein, der die US-amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) derzeit ausgesetzt ist.

Zusätzlich zur globalen fiskalpolitischen Unterstützung dürfte im kommenden Jahr auch seitens der US-Geldpolitik Rückenwind für die Märkte herrschen: Die jüngsten Arbeitsmarktberichte zeigen Schwäche und die Inflationsdynamik bleibt überschaubar. Das dürften genug Gründe für die US-Notenbank sein, weiterhin die Zinsen zu senken und damit die Aktienmärkte zu beflügeln. Mit einem neuen Fed-Vorsitzenden ab Mai könnte die ohnehin schon lockere Geldpolitik weiteren Spielraum bekommen.

Hierin liegt jedoch auch das größte Risiko. Eine vollständige Politisierung der Fed würde zu einer aggressiven geldpolitischen Lockerung führen. Ein schwächerer US-Dollar und deutlich steigende langfristige Renditen aufgrund des Anstiegs der Inflationserwartungen wären die schwerwiegenden Folgen: Ein nicht auszuschließendes Szenario, das im Kontext der bevorstehenden wichtigen US-Zwischenwahlen aber nicht sehr wahrscheinlich erscheint. Die politische Einflussnahme dürfte jedenfalls zunehmen, doch die staatliche Gewaltenteilung „Checks and Balances“ – sowie der Oberste Gerichtshof – machen eine vollständige Übernahme unwahrscheinlich.

KI-BOOM DAUERT AN

Drei Jahre nach dem Start von ChatGPT hält die Euphorie rund um Künstliche Intelligenz weiterhin an. Zwar investieren vor allem amerikanische und chinesische Unternehmen auch im neuen Jahr hunderte Milliarden in den Ausbau von KI-Infrastruktur, doch hinterfragen Investor:innen nun zunehmend die Wirtschaftlichkeit der Investitionsausgaben. Ob sich die aktuell hohen Bewertungen als tatsächliche Blase entpuppen, wird die nahe Zukunft zeigen. Die zentralen Fragen: Wie hoch ist der tatsächliche Nutzen der KI und sind Kund:innen bereit, für deren Dienste zu bezahlen?

Der vielzitierte Vergleich zur Dotcom-Blase in den späten 1990er-Jahren erscheint uns jedoch nicht legitim. Der aktuelle Investitionszyklus ist robuster, da er vornehmlich von hochprofitablen Unternehmen getragen wird, die diese enormen Ausgaben aus dem freien Cashflow und damit aus eigener Kraft finanzieren können.

Auf dem Weg zu einer entwickelten und akzeptierten Technologie werden sich Phasen der Euphorie und Konsolidierung abwechseln. Die hohe Kunst von Assetmanager besteht nun darin, zwischen nachhaltigen Profiteuren und spekulativen Unternehmen zu unterscheiden. Die Strategie der Wahl bleibt daher auch in der aktuellen Marktphase das disziplinierte Investment in profitable Unternehmen zu einem angemessenen Preis. Solche Unternehmen finden sich mitnichten ausschließlich im Technologie-Sektor. Defensive Sektoren wie das Gesundheitswesen und der Basiskonsum bieten weiterhin Stabilität in volatilen Marktphasen und dienen als wichtiges Korsett im Portfolio. Der digitale Wandel wird nicht zuletzt auch zu einem signifikant steigenden Energiehunger führen, was Versorger und Infrastrukturanbieter vor dem Hintergrund solider Erträge und berechenbarer Geschäftsmodelle besonders interessant macht.

Das Umfeld für festverzinsliche Wertpapiere hat sich in den vergangenen Jahren attraktiviert. Fallende Inflationszahlen und steigende Renditen sorgen für eine höhere Realverzinsung als in der jüngeren Vergangenheit. Ein gut diversifiziertes Anleiheportfolio bietet heute Renditen von über drei Prozent. Bei einer aktuellen Inflationserwartung von durchschnittlich 1,80 Prozent in den nächsten fünf Jahren ergibt das eine positive Realrendite. Ein wichtiger Aspekt bleibt das Laufzeitenmanagement. Angesichts der stark steigenden Verschuldung vieler Staaten ist die Rendite am langen Ende der Zinskurve in vielen Währungsräumen auf mehrjährige Höchststände gestiegen. Prominente Beispiele sind Großbritannien und Japan. Hier gilt es, vorsichtig zu agieren und das Kapital nicht zu lange zu binden. Die Sorgen über Haushaltsdefizite haben das Potenzial, die Renditen weiter steigen zu lassen – Kursverluste wären dann die logische Folge.

Eine moderate Laufzeitensteuerung bei gleichzeitigem Fokus auf Qualität bleibt Trumpf. Der Unternehmensanleihensektor bietet hier immer noch viele Chancen. In einer Welt, in der sich die Vorzeichen immer schneller wandeln, sind Unternehmen oftmals wesentlich anpassungsfähiger als Staaten. Firmen fällt es in der Regel leichter, ihre Kosten zu kontrollieren und die Verschuldung zu reduzieren. Nicht zu Unrecht werden Anleihen bonitätsstarker Unternehmen deshalb zunehmend als sicherer Hafen wahrgenommen.

Auch außerhalb des Euroraums gibt es sehr attraktive Chancen im Anleihenbereich. Vor allem Schwellenländeranleihen haben eine erstaunliche Entwicklung gezeigt. Einstmals als reine Wette auf höheres globales Wachstum mit erheblichem fundamentalem Risiko eingestuft, hat sich diese Anlageklasse stark emanzipiert. Ein gewichtiges Argument für ein Engagement in diesen Anleihen mag paradox klingen: Die Staaten mit der besseren Haushaltsdisziplin finden sich zunehmend in der Riege der Schwellenländer wieder. Das durchschnittliche Verhältnis von Schulden zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt in den Schwellenländern bei moderaten 75 Prozent, während die entwickelten Volkswirtschaften im Schnitt eine Schuldenlast von 110 Prozent aufweisen. Zudem locken Schwellenländer mit wesentlich höheren Renditeniveaus von acht bis 12 Prozent. Neben den höheren Zinsen gilt es jedoch auch, die Währungsentwicklung im Auge zu behalten. Diese kann im ungünstigsten Fall einer starken Abwertung auch den eklatanten Renditevorteil zunichtemachen.

Das Jahr 2025 war erneut ein sehr starkes Aktienjahr. Im Gegensatz zu den Vorjahren wurde die positive Entwicklung nicht mehr beinahe ausschließlich von KI und Tech getrieben. Auch Banken, Rohstoffwerte und Industrietitel entwickelten sich im Jahresverlauf überdurchschnittlich. Diese gesunde Entwicklung der Differenzierung und verbesserten Marktbreite dürfte auch im kommenden Jahr anhalten.

Viele Sektoren, die in den letzten Jahren – auch bedingt durch höhere Zinsen – Schwäche gezeigt haben, weisen deutliches Aufholpotenzial auf. Die strategische Aktienquote in der Schoellerbank Vermögensverwaltung wurde zuletzt wieder auf „Neutral“ reduziert. Dennoch blicken wir optimistisch ins neue Börsenjahr. Der Aktienselektion kommt in einem Umfeld, in dem schwächere Unternehmen zusehends mit Kursabschlägen notieren, eine besondere Rolle zu. Vorbei sind wohl die Zeiten, in denen mit wenigen Titeln der breite Markt geschlagen werden konnte.

Wir setzen daher bei der Selektion weiter auf Qualität und bleiben damit unserem Investmentprozess treu: Aktieninvestments sehen wir als Unternehmensbeteiligungen. Und solche möchten wir nur dann eingehen, wenn das Produkt überzeugt, Wettbewerbsvorteile bestehen, die Bilanz solide ist und nicht zuletzt auch der Preis stimmt.