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EZB: Worauf es im Dezember ankommt

November 2026
Die Währungshüter ließen die Zinsen zuletzt unverändert. Christian Schulz, AllianzGI, erklärt, auf welche richtungsweisenden Signale er nunmehr achtet und was der Abgang Christine Lagardes für die Zukunft der EZB-Geldpolitik bedeutet.
AllianzGI
Christian Schulz, AllianzGI

Die EZB hat auf ihrer Oktober-Sitzung einstimmig beschlossen, den Einlagensatz bei 2,5 Prozent zu belassen. Christian Schulz, Chefvolkswirt bei AllianzGI, analysiert in seinem jüngsten Kommentar, weitere Sitzungsergebnisse und wie es mit der Geld- sowie der Personalpolitik der EZB weitergehen könnte:

So wurde wie erwartet auch keine Änderungen am Abbau ihrer Bilanzbestände oder am Mindestreservesatz vorgenommen. Allerdings diskutierten die Ratsmitglieder über eine Zinserhöhung, und EZB-Präsidentin Lagarde signalisierte sehr deutlich, dass die „Richtung klar“ sei, sofern sich die Datenlage nicht verändert. Dies deutet auf eine Zinserhöhung im Dezember hin.

Diese restriktivere Tendenz zeigte sich trotz zahlreicher eher moderater Signale in der Erklärung und auf der Pressekonferenz:

+ Zugrunde liegende Inflation: Die Indikatoren für die zugrunde liegende Inflation bleiben stabil. Erste Anzeichen von Zweitrundeneffekten zeichnen sich ab, allerdings nicht stärker als erwartet. Derzeit bestehe kein „wesentliches Risiko“.

+ Löhne und Inflationserwartungen: Das Lohnwachstum ist weiterhin niedrig und wird für den Rest des Jahres 2026 bei 2,8 Prozent sowie für Anfang 2027 bei 2,6 Prozent erwartet. Die längerfristigen Inflationserwartungen sind weitgehend stabil. Die Gesamtinflation dürfte in den kommenden Quartalen „deutlich über“ dem Zielwert bleiben, bevor sie anschließend zurückgeht.

+ Wachstumsrisiken: Die Risiken für die Wachstumsaussichten sind weiterhin abwärtsgerichtet, vor allem aufgrund der Kriege im Iran und in der Ukraine sowie des Gegenwinds von den Finanzmärkten. Neu hinzugekommen ist die „fiskalpolitische Unsicherheit“ als Risikofaktor, die an die Stelle der Handelsspannungen tritt und möglicherweise die Lage in Frankreich widerspiegelt.

+ Die Finanzierungsbedingungen verschärfen sich: Lagarde machte eine auffällige Pause, bevor sie auf die restriktiveren Finanzierungsbedingungen einging. Die langfristigen Anleiherenditen steigen, während sich das Kreditwachstum verlangsamt und die Kreditvergabestandards laut Bank Lending Survey (BLS) verschärft werden.

All diese Faktoren werden durch die inflationären Auswirkungen nochmals höherer Energiepreise aufgewogen. Die Dezember-Sitzung wird damit zur entscheidenden Sitzung. Im Mittelpunkt dürfte dabei das Kriterium der „zugrunde liegenden Inflation“ stehen, weniger der Inflationsausblick oder die geldpolitische Transmission. Sofern die zugrunde liegende Inflation nicht nach unten weist, dürfte im Dezember die nächste Zinserhöhung folgen.

SORGENKIND FRANKREICH

Mit Blick auf Frankreich teilte Lagarde den Anstieg der französischen Renditen im Wesentlichen in drei Komponenten auf:

*Globale Renditen: Die langfristigen Renditen steigen weltweit aufgrund der Erwartungen hinsichtlich Inflation und Zinsen sowie der Anleiheemissionen von Hyperscalern im Zuge des „Wettlaufs um Kapital“.

*Fiskalische Risikoprämie: Auch die Fiskalpolitik spielt eine Rolle. Die EZB wird die Haushaltspläne beobachten und die Bewertung der Europäischen Kommission abwarten.

*Ungerechtfertigte Risikoprämie: Lagarde betonte, dass die EZB über Instrumente verfüge, falls Entwicklungen an den Anleihemärkten die reibungslose Transmission des geldpolitischen Kurses beeinträchtigen sollten.

SUCHE NACH EINER NACHFOLGE

Unsere Erwartung von zwei weiteren Zinserhöhungen im Dezember 2026 und März 2027 hat weiterhin Bestand. Zwar verschärfen sich die Finanzierungsbedingungen, doch die hohen Energiepreise bergen Aufwärtsrisiken für die Inflation, die die EZB nicht ignorieren will. Der EZB ist bewusst, welche Risiken die französischen Renditeaufschläge bergen, und sie sah sich zu einer Stellungnahme veranlasst. Vorerst sieht sie jedoch die französische Politik und die Europäische Kommission am Zug.

Mit Blick auf ihren für Februar angekündigten Abschied versicherte Lagarde, dass das Verfahren zur Ernennung ihrer Nachfolge bereits läuft. Bundeskanzler Friedrich Merz deutete an, dass bis zum Jahresende eine Entscheidung getroffen werden solle, vermutlich also auf dem Gipfeltreffen am 17./18. Dezember.

Zudem sollte kein Zweifel an der Bereitschaft einer künftigen EZB-Führung bestehen, die Instrumente der Notenbank in ihrer faktischen Rolle als Kreditgeber letzter Instanz für den Euroraum einzusetzen. In Nuancen könnte die Wahl der neuen Führung jedoch die Reaktionsfunktion der EZB beeinflussen. Dies betrifft beispielsweise die Frage, ob sie die Zinsen bei hoher Inflation unabhängig davon weiter anhebt, ob diese durch einen Angebots- oder einen Nachfrageschock verursacht wird.