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„Kapitalmarktnahe Lösungen wichtig für private Vorsorge “

April 2026
Eine aktuelle Studie zeigt: Immer mehr Menschen zweifeln an einer ausreichend hohen staatlichen Pension. Gleichzeitig wächst der Zuspruch für private finanzielle Vorsorge. „Fondsgebundene Lebensversicherungen und Hybrid-Produkte sind dabei die erste Wahl“, sagt Sonja Brandtmayer, Generaldirektor-Stellvertreterin der Wiener Städtischen.
Marlene Fröhlich / luxundlumen
Sonja Brandtmayer, Wiener Städtische Versicherung

FONDS exklusiv: Wie steht es um die Lebensversicherung in Österreich?
Sonja Brandtmayer:
Nach einer mehr als zehn Jahre andauernden Niedrigzinsphase – sieben Jahre davon mit null Prozent Zinsen – führte die Zinswende vor mittlerweile vier Jahren zu einer Trendumkehr in der privaten Vorsorge. Hinzu kommt, dass die vielen aktuellen Unsicherheiten das Bedürfnis nach Absicherung verstärken. Und nicht zuletzt aufgrund der immer lauter werdenden Diskussionen über die Finanzierbarkeit des Pensionssystems wird immer mehr Menschen klar, dass sie auch privat vorsorgen müssen, um ihren Lebensstandard im Alter halten zu können.

Wie schlägt sich die Wiener Städtische in diesem Umfeld?
S. B.:
Als Marktführerin in der Lebensversicherung konnten wir – entgegen der Entwicklung des Gesamtmarktes – auch im Jahr 2025 erneut wachsen. Im Neugeschäft verzeichnen wir seit Jahren eine deutliche Belebung. Im Geschäftsjahr 2025 lag der Zuwachs bei mehr als zehn Prozent, im Jahr davor gar über 30 Prozent. Wir sehen eine generell steigende Nachfrage in der klassischen, fondsgebundenen sowie hybriden Lebensversicherung. Aber auch die Prämienbegünstigte staatlich geförderte Zukunftsvorsorge bleibt weiterhin im Fokus. Das stärkste Wachstum gibt es aber nach wie vor bei Fondspolizzen mit über 20 Prozent im Jahr 2025.

Was waren die Gründe für die Neugestaltung Ihrer Lebensversicherungsprodukte?
S. B.:
Der Vorsorgemarkt befindet sich im Wandel. Um neue Kundenbedürfnisse sowie technologische und regulatorische Entwicklungen aktiv mitzugestalten, haben wir unsere Lebensversicherungsprodukte neu ausgerichtet. Die Produktstrategie der Wiener Städtischen in der kapitalbildenden Lebensversicherung basiert in ihrer neuen Ausrichtung neben der Prämienbegünstigen Zukunftsvorsorge und dem Kinderprodukt Junior‘s Best Invest auf drei Kernprodukten, die sich individuell an die Kundenbedürfnisse anpassen lassen. Eine breite Fondsauswahl ermöglicht weiterhin maßgeschneiderte, nun jedoch noch effizientere und transparentere Vorsorgelösungen.

Sie haben vor kurzem die „Vorsorgestudie 2026“ präsentiert. Was sind die zentralen Erkenntnisse? Wie blicken Herr und Frau Österreicher in ihre finanzielle Zukunft?
S. B.:
Die Ergebnisse waren teilweise zu erwarten, einige davon jedoch ein klares Signal tiefer Verunsicherung und Unzufriedenheit. So zweifeln beispielsweise knapp die Hälfte der Österreicher daran, dass der Staat langfristig ein verlässlicher Partner bei Pensionen bleibt. Insgesamt gehen drei Viertel davon aus, später keine ausreichende staatliche Pension zu erhalten. Und das Risiko von Altersarmut bereitet vielen Menschen große Sorgen: 39 Prozent schätzen ihre persönliche Betroffenheit im Alter als hoch ein und demnach gehen sechs von zehn Befragten auch davon aus, im Alter weiter arbeiten zu müssen. Was acht von zehn Menschen in Österreich verunsichert, ist, dass mittlerweile bereits heute jeder vierte Steuereuro in die Stützung der öffentlichen Pensionen fließt!

Die Reform des Pensionssystems wird intensiv diskutiert. Welche Vorschläge halten Sie für sinnvoll?
S. B.:
Seit Jahren herrscht in der Pensionspolitik faktisch Stillstand, und auch die jüngsten Reformansätze gingen kaum über symbolische Korrekturen hinaus. Notwendig wären jedoch mutige und substanzielle Maßnahmen – etwa eine Anhebung des Pensionsantrittsalters sowie eine stärkere Integration kapitalmarktorientierter Modelle auch in der ersten – also der gesetzlichen – Vorsorgesäule. Denn wenn künftig nur noch zwei Erwerbstätige eine Pension stemmen müssen, wird das staatliche System zwangsläufig an seine Belastungsgrenzen stoßen. Umso zentraler wird daher eine ergänzende private finanzielle Vorsorge für das Alter.

Was wäre aus Ihrer Sicht ein angemessenes Pensionsantrittsalter?
S. B.:
Entscheidend ist, dass sich die Menschen frühzeitig auf längere Erwerbsphasen einstellen können. Dafür braucht es ausreichend lange Übergangszeiträume von zehn Jahren oder mehr. In einem nächsten Schritt sollte ein moderater, planbarer Anstieg des Pensionsantrittsalters ins Auge gefasst werden – etwa in Größenordnungen von zwei bis fünf Monaten pro Jahr. Die Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten je zehn Jahre im Durchschnitt um rund zwei Jahre gestiegen. Solange sich dieser Trend fortsetzt, ist auch eine Anpassung des Antrittsalters sachlich gerechtfertigt. Darüber hinaus braucht es einen kulturellen Wandel: Arbeit sollte nicht als bloße Belastung, sondern als sinnstiftender Teil des Lebens verstanden werden. Bei der Wiener Städtischen sind derzeit 384 Mitarbeiter über das gesetzliche Pensionsantrittsalter hinaus beschäftigt – das entspricht rund zehn Prozent unserer Belegschaft. Darauf sind wir stolz, denn so bleibt wertvolles Wissen und Erfahrung im Unternehmen erhalten.

Neben der staatlichen Pension gewinnen betriebliche und private Vorsorge an Bedeutung. Welche Produkte wollen Sie hier forcieren?
S. B.:
Wir setzen klar auf einen Mix der drei Säulen – staatlich, betrieblich und privat –, denn Diversifikation ist der Schlüssel zu einer stabilen Altersvorsorge. Die staatliche Pension bleibt der Grundpfeiler, aber betriebliche und private Lösungen gewinnen massiv an Bedeutung. Entscheidend ist dabei immer die individuelle Beratung, bei der die jeweilige Situation analysiert wird, Ziele definiert und so die passenden Vorsorgelösungen gefunden werden. Als Einstieg eignet sich etwa die Prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge, darauf aufbauend bieten wir fondsgebundene oder hybride Lebensversicherungen – je nach Lebensphase, Zielen und Risikobereitschaft. Junge Menschen können stärker in den Kapitalmarkt investieren, während Ältere sicherheitsorientierter planen sollten. Im Rahmen der zweiten Säule, also der betrieblichen Vorsorge, ist die Zukunftssicherung nach §3/1/15a EstG ein Vorsorgeinstrument, das Unternehmen seinen Mitarbeitern brutto für netto zur Verfügung stellen kann.

Wie die Vorsorgestudie zeigt, befürchten viele, dass die staatliche Pension in Zukunft für den Erhalt des Lebensstandards nicht mehr reichen wird. Wie hilft hier eine private Pensionsvorsorge?
S. B.:
Eine private oder auch betriebliche Pensionsvorsorge trägt wesentlich dazu bei, die finanzielle Unabhängigkeit im Alter zu stärken und die Kaufkraft für breite Bevölkerungsschichten aufrechtzuerhalten. Das stärkt letztlich die gesamte Volkswirtschaft. Somit wird die private Pensionsversicherung auch in Zukunft, in Ergänzung zur gesetzlichen Pension, eines der sichersten, beliebtesten und langfristigen Vorsorgeinstrumente der Österreicher bleiben. Eine Stärkung der privaten und betrieblichen Altersvorsorge seitens der Regierung wäre dementsprechend dringend notwendig und wünschenswert.

Was sollte die Politik tun, um zweite und dritte Säule attraktiver zu machen?
S. B.:
Die demografische Entwicklung zeigt sehr klar: Immer mehr Menschen verbringen deutlich länger Zeit in Pension, während immer weniger Erwerbstätige die staatlichen Pensionen finanzieren. Umso wichtiger ist es, die zweite und dritte Säule spürbar zu stärken. Vorbilder finden wir in Skandinavien, wo ein ausgewogener Mix aus staatlicher, betrieblicher und privater Vorsorge für ein hohes Pensionsniveau und Stabilität sorgt. Von der Politik braucht es daher konkrete Maßnahmen: etwa die Halbierung der Versicherungssteuer, steuerliche Anreize für nachhaltige Veranlagungen oder die Valorisierung der Förderung in der betrieblichen Altersvorsorge. Das wären Signale mit großer Wirkung – bei vergleichsweise geringem Budgetaufwand – und würden private und betriebliche Vorsorge für breite Bevölkerungsschichten attraktiver machen.