Die Rolle der Schwellenländer im globalen Ökosystem für Technologie und Künstliche Intelligenz (KI) wird nach Ansicht von Kevin O’Hare, Portfoliomanager und Analyst bei Lazard Asset Management, häufig unterschätzt. In den vergangenen Jahren habe sich die Struktur dieser Märkte grundlegend verändert: Während früher zyklische Sektoren und Rohstoffe dominierten, seien heute technologie- und innovationsgetriebene Branchen die entscheidenden Wachstumstreiber. „Schwellenländer haben sich massiv gewandelt. Sie sind heute ein zentraler Bestandteil globaler Technologie- und KI-Wertschöpfungsketten“, so der Experte.
Insbesondere Internet-, Software- und Halbleiterunternehmen hätten stark an Bedeutung gewonnen. Ihr Anteil habe sich in den vergangenen zehn Jahren etwa verdreifacht. Insgesamt liege der Anteil technologie- und innovationsgetriebener Sektoren inzwischen bei über 40 Prozent der Marktkapitalisierung – ein Niveau, das sich zunehmend dem US-Markt (über 50 Prozent) annähere. Zugleich böten Schwellenländer einen breiteren Zugang zu wachstumsstarken Bereichen wie E-Commerce und digitalen Medien als viele entwickelte Märkte, darunter Kontinentaleuropa oder Großbritannien.
Die globale KI-Wertschöpfung sei ohne Schwellenländer kaum denkbar, heißt es in einer aktuellen Analyse von Lazard Asset Management: „Wer in KI investiert, investiert zwangsläufig auch in Schwellenländer – oft ohne sich dessen bewusst zu sein.“ Selbst bei Investments in große US-Technologiekonzerne bestehe eine enge Verflechtung mit Unternehmen aus den Emerging Markets. Denn ein erheblicher Teil der vorgelagerten Wertschöpfung – etwa in der Halbleiterfertigung, bei Speicherchips oder in der Materialversorgung – finde in Ländern wie Taiwan, Südkorea oder China statt. Diese Märkte stellten zentrale Komponenten entlang der gesamten KI-Infrastruktur bereit.
Gleichzeitig seien viele dieser Unternehmen im internationalen Vergleich deutlich günstiger bewertet. Lazard verweist darauf, dass Investoren für ein vergleichbares Engagement in KI-Unternehmen in den USA derzeit einen erheblichen Aufpreis zahlten: „Während US-Technologiewerte vielfach mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen im mittleren Zwanzigerbereich bewertet werden, liegen vergleichbare Unternehmen in den Schwellenländern oft nur im mittleren bis oberen Zehnerbereich.“
BEWERTUNGSABSCHLÄGE
Das entspreche Bewertungsabschlägen von rund 30 bis 50 Prozent, obwohl die Gewinnwachstumsraten in vielen Fällen ähnlich hoch seien. Ein Grund dafür sei, dass viele EM-Unternehmen stärker entlang der physischen Wertschöpfungskette positioniert seien – etwa in der Produktion von Halbleitern oder Infrastruktur – und weniger von langfristigen Wachstumsfantasien getrieben würden.
Die aktuelle Investitionswelle im Bereich KI könne sich als struktureller Wendepunkt für die Schwellenländer erweisen. Lazard Asset Management spricht von einer globalen Investitionsverschiebung in Höhe von rund 750 Milliarden US-Dollar, die insbesondere in Rechenzentren, Hochleistungsrechner, Halbleiterfertigung und Netzwerkinfrastruktur fließe. „Wir sehen einen der größten Investitionszyklen der letzten Jahrzehnte – und die Schwellenländer stehen im Zentrum dieser Entwicklung.“
Viele Länder investierten gezielt in digitale Infrastruktur und beschleunigten den Ausbau von 5G- und zukünftigen Netzstandards – unterstützt durch regulatorische Maßnahmen, gezielte Anreize und öffentlich-private Partnerschaften. In mehreren Regionen habe bereits heute ein sehr hoher Anteil der Bevölkerung Zugang zu modernen Mobilfunknetzen, mit weiter stark steigender Tendenz bis zum Ende des Jahrzehnts.
NORDASIEN ALS PROFITEUR
Regional sieht Lazard Asset Management vor allem Nordasien als Hauptprofiteur der KI-Transformation. Taiwan bleibe das Zentrum der globalen Halbleiterfertigung und habe Ende 2025 ein Exportwachstum von über 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet, was sich auch in einer dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung widerspiegele. Südkorea profitiere insbesondere von der steigenden Nachfrage nach Hochleistungsspeichern für KI-Anwendungen, während Länder wie Malaysia und Vietnam zunehmend als wichtige Standorte für Test-, Verpackungs- und Produktionsprozesse in der Elektronikindustrie fungierten.
China wiederum baue sein eigenes KI-Ökosystem gezielt aus und investiere massiv in technologische Unabhängigkeit sowie in digitale Infrastruktur. Aus Sicht von Lazard Asset Management steht Nordasien im Zentrum der globalen KI-Wertschöpfung – sowohl technologisch als auch industriepolitisch.
Zusammenfassend seien Schwellenländer heute ein integraler Bestandteil der globalen KI-Entwicklung und dürften überproportional von der nächsten Wachstumsphase profitieren. Neben ihrer zentralen Rolle in den Lieferketten sprächen vor allem die attraktiven Bewertungen für ein stärkeres Augenmerk von Investoren. „Die KI-Story lässt sich ohne Schwellenländer schlicht nicht erzählen“, resümiert O’Hare.

