In einer strategischen Vermögensallokation führt an US-Aktien kein Weg vorbei. „Dabei kommt es aber auf eine gut diversifizierte US-Aktienstrategie an“, erläutert Stefan Braun, Globaler Leiter Systematische Strategien bei ODDO BHF AM, in seinem aktuellen Markkommentar. „Zweifellos steht der US-Aktienmarkt derzeit vor einigen Herausforderungen, u.a. hohe Bewertungen, geopolitische Spannungen, sich verändernde Handelsdynamiken und Anzeichen eines sich abkühlenden Arbeitsmarktes“, so Braun. „Doch trotz dieser Herausforderungen zeigt sich die US-Wirtschaft im weltweiten Vergleich weiterhin beeindruckend widerstands- und anpassungsfähig.“ Für eine Abkehr von US-Aktien wäre es daher verfrüht. Die amerikanische Wirtschaft wird weiterhin getragen von einem großen, diversifizierten Binnenmarkt und einem starken Dienstleistungssektor.
Die Politik trägt mit den jüngsten fiskalpolitischen Maßnahmen und gezielter Deregulierung dazu bei, externe Belastungen abzufedern. „Zudem dürfte die lockere Geldpolitik der US-Notenbank (FED) nach unserer Einschätzung noch für einige Zeit ein vorteilhaftes Umfeld für Liquidität und Bewertungen schaffen“, stellt Braun fest.
Langfristig bleiben die Vereinigten Staaten die dynamischste und innovativste Volkswirtschaft der Welt und Heimat globaler Technologieführer sowie wegweisender Unternehmen in Schlüsselbranchen. US-Aktien eröffnen somit Zugang zu einem riesigen, resilienten Markt mit vielfältigen Chancen, der seit Jahrzehnten das globale Wachstum antreibt. Von Tech-Riesen (den „Glorreichen Sieben“) bis hin zu weltweit führenden Industrieunternehmen, innovativen Akteuren im Gesundheitswesen und Konsumgüterherstellern: Der US-Markt vereint etablierte Größen der „Old Economy“ mit dem Potenzial aufstrebender Innovatoren der „New Economy“. „Hierdurch haben US-Aktien im Vergleich zu anderen Regionen langfristig attraktive Renditen erzielt und sich in globalen Portfolios als zentrale Säule erwiesen“, hält Braun fest. Für Anleger stellt sich daher weniger die Frage, ob sie in US-Aktien investieren sollen, sondern vielmehr, wie sie dies am besten tun können.
MÄRKTE BEWEGEN SICH IN TRENDS
Eine der effektivsten Möglichkeiten, in US-Aktien zu investieren, ist eine systematische Trendfolgestrategie, die sich den sogenannten Momentum-Effekt zunutze macht. Momentum beschreibt ein zu beobachtendes Phänomen, das simpel, aber bedeutsam ist: Aktienmärkte bewegen sich in Trends. Aktien, die sich zuletzt gut entwickelt haben, steigen häufig weiter. Umgekehrt setzen Aktien mit zuletzt fallenden Kursen ihren Abwärtstrend meist fort. „Ziel einer Momentum-Strategie ist es, diese Trends systematisch zu erkennen und zu nutzen, um den Gesamtmarkt zu übertreffen“, meint Braun. Er führt weiter aus: „Was Momentum-Ansätze so interessant macht, ist ihre bestechende Einfachheit und ihre Robustheit. Über lange Zeiträume betrachtet haben Momentum-Strategien gezeigt, dass sie in verschiedenen Regionen – nicht nur in den USA – mit bemerkenswerter Konstanz eine Outperformance erzielen.“ Der Grund liegt in einer besonderen Eigenschaft: Momentum passt sich an. Dominieren Value-Aktien, folgt das Momentum diesem Trend. Haben Wachstumsaktien die Nase vorn, verlagert es sich entsprechend in diese Richtung. Im Gegensatz zu starren Anlagestilen bleibt der Momentum-Ansatz flexibel – er setzt auf Themen, die am Markt jeweils besonders gefragt sind.
Erkenntnissen aus langjähriger Forschung zufolge lässt sich der Fortbestand von Trends mit bestimmten Verhaltensverzerrungen erklären, wie dem Ankereffekt, Herdenverhalten oder Selbstüberschätzung. „Märkte werden von menschlichem Verhalten bestimmt, und Menschen werden oft von Emotionen geleitet“, legt Braun dar. Deshalb spiegeln Kurse Fundamentaldaten oft nicht sofort wider – sie bewegen sich in Trends, die von Emotionen und verzögerter Wahrnehmung getrieben werden. „Momentum-Anlagen nutzen diese Trends oder Verhaltensmuster gezielt mit disziplinierten, nachvollziehbaren und reproduzierbaren Prozessen.“
HERAUSFORDERUNG TRENDWECHSEL
Die Stärke von Momentum liegt in der Fähigkeit, anhaltende Trends auszuschöpfen. Naive Momentum-Strategien stoßen jedoch an ihre Grenzen, wenn sich diese Trends abrupt umkehren. Momentum-Strategien können durchaus sehr wirkungsvoll sein. Sie erfordern jedoch eine sorgfältige Steuerung spezifischer Risiken wie Trendwechsel oder eine zu starke Konzentration der Positionierung.
„Bei naiven Momentum-Portfolios kann es zu einer übermäßigen Ausrichtung auf gerade angesagte Sektoren kommen – etwa Ende der 1990er Jahre auf Technologieaktien, Anfang der 2000er Jahre auf Energieaktien oder aktuell Aktien mit KI-Bezug“, wie Braun weiter ausführt. „Dreht sich der Markt, trifft es diese Portfolios besonders hart.“ Momentum-Strategien erzielen die besten Ergebnisse in stabilen Trendmärkten, können aber bei abrupten Umschwüngen ins Hintertreffen geraten. Der Unterschied zwischen einfachen und komplexeren Momentum-Ansätzen liegt in der Diversifizierung und dem Risikomanagement. Braun erklärt: „Eine einfache Momentum-Strategie setzt blind weiter auf die Gewinner von gestern. Ein komplexerer Ansatz dagegen baut – gestützt auf Fundamentaldaten – ein wohldurchdachtes, diversifiziertes Momentum- Portfolio auf, das verschiedene Trends abdeckt.“
Eine naive Momentum-Strategie erstellt auf Basis der jüngsten Wertentwicklung ein Aktienranking und kauft die besten 10 Prozent. „Solche Strategien können eine Zeit lang durchaus funktionieren, sind aber anfällig für Trendwechsel, Nachrichten-Schocks und stimmungsgetriebene Rallys“, merkt Braun an. Oft wird kurzfristiger Überschwang mit nachhaltiger Stärke verwechselt. Eine differenziertere Strategie geht tiefer. Sie erkennt, dass Momentum nicht gleich Momentum ist und bezieht die damit verbundenen Risiken bei der Portfoliozusammenstellung ein.
Trotz aktueller Herausforderungen bleiben US‑Aktien ein zentraler Baustein strategischer Portfolios. Statt eines pauschalen Engagements bietet ein differenzierter Momentum‑Ansatz die Möglichkeit, langfristige Trends systematisch zu nutzen und gleichzeitig flexibel auf Marktveränderungen zu reagieren. „Entscheidend für den Erfolg sind dabei eine breite Diversifikation, solides Risikomanagement und die Vermeidung einseitiger Positionierungen – nur so lässt sich das Potenzial von Momentum‑Strategien nachhaltig ausschöpfen“, so Braun abschließend.

