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Warum Südkoreas Börse reizt

Januar 2026
Weshalb der Markt starke Kurszuwächse trotz politischer Turbulenzen verzeichnet, erklärt Alexis Bienvenu, Fondsmanager bei LFDE.
LFDE
Alexis Bienvenu, LFDE

Dem jüngst abgesetzten Präsidenten droht die Todesstrafe. Mehrere seiner Vorgänger wurden wegen Korruption verurteilt – und später von Nachfolgern begnadigt, die teils selbst vor Gericht landeten, erläutert Alexis Bienvenu, Fondsmanager bei LFDE. Hinzu kommen mächtige aber finanziell intransparente Industriekonglomerate, eine rückläufige Demografie und immer wieder aufflammende Massenproteste. Und dennoch erlebt der Aktienmarkt einen historischen Höhenflug: Innerhalb nur eines Jahres legte er um 91 Prozent zu. [1] Doch worauf beruht diese Entwicklung?

STAATLICHE LENKUNG

Der erste entscheidende Faktor ist, dass der Staat die Wirtschaft mit Fünfjahresplänen steuert, wie es in China der Fall ist. Dabei verpflichtet er die Firmen auch zur Einhaltung strenger Regeln im Hinblick auf eine gute Unternehmensführung. So lässt er beispielsweise der Justiz freie Hand, wenn diese wiederholt korrupte Führungskräfte verurteilt. Dabei werden selbst die größten nationalen Mischkonzerne, die sogenannten „Chaebols“, nicht verschont. Mit dem im Jahr 2024 eingeführten Programm „Value up“ schreibt der Staat diesen Mischkonzernen nun Regeln für finanzielle Transparenz und die Berücksichtigung von Minderheitsaktionären vor. Dies läuft den Interessen der Familien zuwider, die diese Konzerne zuvor auf intransparente Weise kontrollierten.

Die industrielle Modernisierung Südkoreas, die seit den 1960er Jahren verstärkt vorangetrieben wurde, wandelt sich somit zu einer regulatorischen Modernisierung. Das Ergebnis: Der Börsenkurs der Unternehmen im südkoreanischen Index (KOSPI) ist im Verhältnis zu ihrem Buchwert von dem sehr niedrigen Niveau von −0,8 vor der Reform auf derzeit 1,5 gestiegen, was praktisch einer Verdopplung der Unternehmenswerte entspricht. Internationale Investitionen flossen vermehrt ins Land und die Menge der von Anlegern aus dem Ausland gehaltenen koreanischen Aktien erreichte den höchsten Stand seit fünf Jahren. Der KOSPI erfreut sich derselben Beliebtheit wie der K-Pop.

ZUKUNFTSTECHNOLOGIEN

Ein zweiter entscheidender Faktor ist die Konzentration von Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) in den Schlüsselsegmenten, in denen die südkoreanische Industrie hervorragend abschneidet. Das Land ist nicht nur zu einem unverzichtbaren Lieferanten bestimmter Bauteile geworden, insbesondere von Speichern mit hoher Bandbreite (HBM), die für die Chips von Nvidia gebraucht werden, sondern strebt auch eine Vorreiterrolle bei der Nutzung von KI an.

Auf der jüngsten Elektronikmesse, der Consumer Electronic Show in Las Vegas, fielen südkoreanische Unternehmen mit sogenannter physischer KI auf, die in Robotern oder Geräten integriert ist. Hyundai beeindruckte mit dem für industrielle Anwendungen konzipierten humanoiden Roboter Atlas, der sich durch seine bemerkenswert flüssigen Bewegungen auszeichnet. Bei Samsung und LG gab es wiederum KI-Lösungen zu sehen, die in Geräte – insbesondere Haushaltsgeräte – integriert sind („on-device“). Zu den fortschrittlichen Features dieser Unternehmen gehört die Integration von KI in Geräte, ohne dass eine Internet-Verbindung genutzt wird. Damit lässt sich die Sicherheit privater Daten erhöhen.

Das Ergebnis dieser geschickt vorangetriebenen Bemühungen: Über ein Jahr legte SK hynix, der führende Anbieter von HBM-Speichern, um über 260 Prozent zu, Samsung um 170 Prozent, während die amerikanischen „Magnificent 7“ sich mit 23 Prozent begnügen mussten. Dennoch werden diese Werte mit dem 7- bis 12-fachen der Gewinne des kommenden Jahres gehandelt[2], während es bei den „Magnificent 7“ etwa das 30-fache ist.

Zwar können die führenden südkoreanischen Unternehmen in Größe und globalem Renommee nicht annähernd mit ihren US-Konkurrenten mithalten. Doch angesichts ihrer außergewöhnlichen Dynamik, ihrer Schlüsselrolle in Zukunftstechnologien und ihrer insgesamt moderaten Bewertung spricht vieles dafür, dass die Erfolgsserie anhält. Ob sie eines Tages denselben Kultstatus erreichen wie BTS und Blackpink, bleibt offen – doch an der Börse sind Südkoreas Stars längst auf der großen Bühne angekommen.

[1] Stand: 15. Januar 2026, in US-Dollar

[2] Laut Bloomberg-Konsens