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Wie lange hält die Rally?

Oktober 2026
Die Aktienmärkte bleiben trotz Inflations- und Zinsdrucks robust, zieht Thomas Kößler, Schoellerbank, ein Fazit in Hinblick auf das vierte Quartal 2026.
Schoellerbank
Thomas Kößler, Schoellerbank

Die globalen Kapitalmärkte erlebten über den Sommer 2026 eine spürbare Verschärfung ihrer Rahmenbedingungen. Die eskalierenden Konflikte im Nahen Osten haben die internationalen Öl- und Energiepreise erneut massiv in die Höhe getrieben. Da wichtige Transportrouten blockiert und Versorgungsrisiken akut sind, verteuerte sich die Rohölsorte Brent sprunghaft, was weltweit die Import- und Erzeugerpreise anheizte. Diese Entwicklung hat die ohnehin latenten Inflationssorgen vieler Marktteilnehmer weiter befeuert. Thomas Kößler, Investment Strategy – Leiter Anleihen & Währungen bei der Schoellerbank, zieht ein klares Fazit und gibt einen Ausblick auf das aktuell Quartal.

Trotz des Gegenwinds präsentieren sich die Aktienmärkte abermals erstaunlich gelassen. Ihre fundamentale Resilienz gegenüber hohen Ölpreisen beruht auf einem tiefgreifenden strukturellen Wandel der globalen Wirtschaft. Viele Länder verbrauchen heute deutlich weniger Öl pro Einheit Wirtschaftsleistung als während früherer Energiekrisen.

In einigen hochentwickelten Volkswirtschaften hat sich die Energieintensität innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte durch Effizienzgewinne, technologischen Fortschritt und den Ausbau des Dienstleistungssektors sogar mehr als halbiert. Diese weitgehende Entkoppelung von Rohstoffverbrauch und Wirtschaftswachstum führt dazu, dass ein moderner Ölpreisschock die gesamtwirtschaftliche Aktivität heute weit weniger stark belastet als in den 1970er- oder 1980er-Jahren.

Im Gegensatz zu den Aktienmärkten fällt die Einschätzung vieler Notenbanken wesentlich weniger entspannt aus, da die tieferliegenden Inflationsrisiken weitaus kritischer bewertet werden. Die Erfahrungen aus dem Jahr 2022, als viel zu spät auf die Inflation reagiert wurde, wirken bis heute nach. Damals stuften die Europäische Zentralbank (EZB) und die amerikanische Federal Reserve (Fed) den Preisauftrieb als „temporär“ ein und verloren wertvolle Zeit, bevor sie die Zinswende einläuteten. Um eine erneute Fehleinschätzung der Inflationsentwicklung und damit verbundene Glaubwürdigkeitsverluste zu vermeiden, reagieren die Zentralbanken 2026 frühzeitiger. Die Folge ist eine Welle globaler Zinserhöhungen – neben der EZB haben auch die Fed und die Bank of Japan (BoJ) jüngst die Leitzinsen erhöht, um Zweitrundeneffekte und Lohn-Preis-Spiralen präventiv zu bekämpfen.

RESTRIKTIVERE ZINSPOLITIK

Die robuste Entwicklung der globalen Konjunktur verschafft den Zentralbanken den nötigen Spielraum, die Leitzinsen anzuheben. Diese wird heute vor allem durch stark steigende Kapitalinvestitionen aus privaten Quellen gestützt. Vorwiegend sind die großen IT-Firmen mit gewaltigen Investitionsprogrammen in Datencenter zu nennen, welche sich global in vielen Branchen – zum Beispiel Computerchips, Energie, Infrastruktur und Rohstoffe – niederschlagen.

Zudem stützt eine anhaltend expansive Fiskalpolitik – sichtbar am steigenden Haushaltsdefizit der USA sowie an wachsenden Verteidigungs- und Staatsausgaben in Europa, Japan und Deutschland – die Konjunktur. Gleichzeitig bleibt der Arbeitsmarkt in den USA trotz nachlassender Einstellungsdynamik historisch robust, während die stabilen Kapitalmärkte den privaten Konsum über Vermögenseffekte ankurbeln. Zusammengenommen federn diese Faktoren externe Schocks effektiv ab und stützen das globale Wachstum.

In den USA kompensieren die immensen Ausgaben für Rechenzentren, Halbleiter und digitale Infrastruktur die Schwächen in klassischen Industriezweigen. Von diesem kapitalintensiven Zyklus profitieren auch asiatische Technologie-Zentren wie Südkorea und Taiwan, die als Hauptlieferanten für fortschrittliche Server- und Speicherlösungen fungieren.

Doch längst nicht alle Marktbeobachter:innen sehen die aktuelle Entwicklung ausschließlich positiv. Die enormen Investitionen in die technologische Infrastruktur müssen sich mittelfristig durch höhere Einnahmen entsprechend rechtfertigen. Diese Fragen sind durchaus berechtigt. Dennoch gibt die jüngste Berichtssaison aus unserer Sicht Anlass zu Optimismus, denn die Unternehmensergebnisse haben klar gezeigt, dass sich eine positive Entwicklung immer deutlicher abzeichnet.

Die Unternehmensgewinne vieler Technologie-unternehmen – vor allem aus dem Halbleiterbereich – sind im Sommer 2026 schneller gewachsen als die Aktienkurse. Für das Gesamtjahr erwarten Analyst:innen für den breiten amerikanischen Aktienmarkt gar ein massives Gewinnwachstum von gut 30 Prozent. Da die Aktienkurse jedoch nicht in gleichem Maße gestiegen sind, haben sich die teuren KI-Prämien vieler Unternehmen spürbar reduziert. Angesichts dieser fundamentalen Untermauerung durch hohe, reale Gewinnzuwächse lässt sich eine klassische, spekulative Blase am Aktienmarkt derzeit tatsächlich nicht begründen. Dass bei vielen Marktteilnehmer:innen dennoch keine Euphorie aufkommt, liegt an einer stark veränderten Zinslandschaft.

ZINSEN ALS SPIELVERDERBER?

Noch zu Jahresbeginn wurden in den USA zwei bis drei Zinssenkungen für das laufende Jahr eingepreist. Diese Erwartungshaltung hat sich angesichts stark gestiegener Energiepreise und daraus resultierender Inflationssorgen um 180 Grad gewandelt. Mittlerweile hat nach der EZB nun auch die Fed an der Zinsschraube gedreht und die Leitzinsen erhöht.

Neben einem inflationsbedingt veränderten Leitzinspfad sorgt auch ein höheres Angebot an neu emittierten Anleihen von US-Technologiekonzernen für steigende Renditen. Um den gigantischen Kapitalbedarf für den weltweiten KI-Ausbau zu finanzieren, fluten Big-Tech-Riesen den Markt mit neuen Anleihen. Dieses Überangebot zwingt Emittenten dazu, Investor:innen höhere Zinsaufschläge zu bieten. Die steigenden Tech-Renditen entziehen dem Markt Liquidität, wodurch in der Folge auch die Refinanzierungskosten für europäische Unternehmen und Staaten messbar steigen.

Zum Wettbewerb um Kapital im globalen KI-Wettrüsten kommt die globale Schuldendynamik hinzu, die den Druck auf die Kapitalmärkte weiter erhöht. Anleger:innen fordern angesichts der ausufernden Staatsverschuldung zunehmend eine höhere Risikoprämie in Form von steigenden Renditen. Diese Entwicklung beschränkt sich nicht auf die USA, sondern betrifft im Wesentlichen alle großen Industrienationen.

Höhere Renditen treffen vor allem hochverschuldete, wachstumsorientierte Tech-Unternehmen, deren Geschäftsmodelle auf billigem Kapital basieren. Doch auch hier lohnt sich ein differenzierter Blick: Höhere Kapitalkosten bremsen Aktien nicht aus, wenn Produktivität und Gewinne schneller wachsen. Finanzieren Unternehmen durch teurere Anleihen revolutionäre Technologien wie KI, steigen ihre Margen durch enorme Effizienzgewinne. Dieses reale Gewinnwachstum kompensiert die Zinslast. In einem solchen innovationsgetriebenen Marktumfeld florieren Aktienmärkte daher trotz steigender Finanzierungskosten.

KEINE EUPHORIE

Das primäre Risiko für Investoren liegt in einer drohenden Korrektur der Markterwartungen. Sollten die ambitionierten KI-Bewertungen an den Börsen einbrechen, würde dies einen stark negativen Vermögenseffekt auslösen. Da der technologiegetriebene Aktienboom die Buchgewinne privater Haushalte massiv aufgebläht hat, stützt er indirekt den privaten Konsum – mit knapp 70 Prozent des BIP die wichtigste Säule des US-Wachstums.

Schrumpfen diese Vermögenswerte durch eine Marktkorrektur, dürften US-Verbraucher:innen ihre Ausgaben drastisch drosseln. Da moderne Volkswirtschaften – und hier vor allem die USA – über Vermögenseffekte eng mit den Kapitalmärkten verzahnt sind, würde ein solcher Konsumrückgang das reale Wirtschaftswachstum empfindlich negativ beeinträchtigen. Ein Platzen der KI-Euphorie bliebe somit kein reines Börsenphänomen, sondern würde über den Konsumkanal direkt in die Realwirtschaft fließen und das Fundament beschädigen, das den Zentralbanken derzeit überhaupt erst ihren restriktiven geldpolitischen Spielraum im aktuellen Zinsumfeld ermöglicht. Dieses Szenario bleibt ein Damoklesschwert für die Aktienmärkte. Die Erfahrung hat jedoch immer wieder gezeigt, dass sich aktives Vermögensmanagement nicht nur von möglichen Risiken leiten lassen sollte.

Gleichzeitig hat der deutliche Renditeanstieg der vergangenen Jahre die Ausgangsbasis für Rentenveranlagungen wieder erheblich verbessert. Die heute verfügbaren Kupons und laufenden Renditen bieten Anlegern einen signifikant höheren Ertragspuffer gegen Marktschwankungen als noch im Niedrigzinsumfeld. Zudem ist die relative Attraktivität von Anleihen gegenüber risikoreicheren Anlageklassen wieder gestiegen. Sollte die KI-Euphorie an den Aktienmärkten nachlassen, könnten Anleihen daher wieder verstärkt ihre traditionelle Rolle als Stabilitätsanker in diversifizierten Portfolios erfüllen.

Gerade im aktuellen Marktumfeld ist jedoch aktives Management im Anleihesegment wichtiger denn je. Steigende Renditen stellen zwar kurzfristig Belastungsfaktoren für bestehende Anleiheportfolios dar, eröffnen gleichzeitig aber neue Ertragschancen. Durch die gezielte Beimischung von Fremdwährungsanleihen, inflationsgeschützten Anleihen und die aktive Steuerung von Duration und Währungsrisiken können zusätzliche Renditequellen erschlossen werden. Dadurch lassen sich selbst in Phasen steigender Marktzinsen positive Erträge erzielen und die Widerstandsfähigkeit des Portfolios erhöhen.

FAZIT

Wir gehen mit einer optimistischen Grundhaltung und einer leicht übergewichteten Aktienquote in das letzte Quartal 2026. Die KI-getriebene Investitionswelle eröffnet Anlegern attraktive Chancen weit über den Technologiesektor hinaus. Neben Halbleiter- und Infrastrukturunternehmen profitieren insbesondere Schwellenländer von der steigenden Nachfrage nach strategischen Rohstoffen, Vorprodukten und Produktionskapazitäten. Dadurch ergeben sich zusätzliche Potenziale in ausgewählten Schwellenländern, deren Volkswirtschaften eng in die globalen Lieferketten des KI-Zyklus eingebunden sind.

Die aktuelle Dynamik an den Zinsmärkten verfolgen wir sehr genau. Sollte sich der Trend zu weiter steigenden Renditen verstärken, könnte dies den Druck auf Aktienanlagen erhöhen. Die Attraktivität von Anleihen hat sich durch die zuletzt stark gestiegenen Renditen deutlich verbessert und eröffnet Einstiegschancen.

In diesem Umfeld gewinnt aktives, professionelles Vermögensmanagement weiter an Bedeutung: Die flexible Steuerung von Aktienquoten, Regionengewichtungen, Laufzeiten und Währungsallokationen kann gerade in einer Phase zunehmender Unsicherheit den entscheidenden Unterschied machen.