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Wird die Zinswende unterschätzt?

April 2022
Weshalb die Märkte einen kräftigeren Straffungszyklus als in den 1970er Jahren einpreisen, erklärt Norman Villamin, Chief Investment Officer im Wealth Management bei UBP.
UBP
Norman Villamin, UBP

Die Wirtschaft in Europa leidet unter dem Krieg in der Ukraine, wohingegen die US-Wirtschaft weniger beeinträchtigt wird, wie die Union Bancaire Privée (UBP) in einem aktuellen Marktkommentar schreibt. Auch erneute Unsicherheiten im Zusammenhang mit den Covid-Schließungen in China belasteten die Weltwirtschaft. Angesichts des exponentiellen Anstiegs der Inflation gingen die Zentralbanken zunehmend aggressiv vor. „Die globale Geldpolitik ist in eine deutliche Straffungsphase eingetreten. Nach der Ankündigung der Fed, möglicherweise im zweiten Quartal einen Zinsschritt von 50 Basispunkten zu vollziehen und gleichzeitig die Bilanz abzuschmelzen, preisen die Märkte bereits einen kräftigeren Straffungszyklus ein als in den 1970er Jahren“, schreibt Norman Villamin, Chief Investment Officer (CIO) Wealth Management und Head of Asset Allocation bei UBP. Die Bank habe ihre Zinsprognose für 10-jährige US-Staatsanleihen infolgedessen von 2,0-2,5 Prozent auf 2,5-3,0 Prozent zum Jahresende erhöht, da man davon ausgehe, dass die Fed eine noch ausgeprägtere Inversion der Zinsstruktur vermeiden möchte. „In diesem Umfeld haben wir weiter die Zinssensitivität unserer Portfolios reduziert – auf der Anleihen- und auf der Aktienseite“, erläutert Villamin. Auf der Rentenseite habe man das Risiko reduziert und setze auf Unternehmensanleihen guter Bonität mit kurzen Laufzeiten sowie Hedgefonds-Strategien.

Hohe Volatilität im Aktienmarkt

Trotz einer gewissen Entspannung an den Aktienmärkten der Industrieländer im März blieben die Marktbedingungen schwierig und die Kurse von einer hohen Volatilität geprägt. Die Berichtssaison im April und Mai dürfte sich als entscheidend für die künftige Performance von Aktien erweisen. „Frühere Erwartungen einer Aufwärtskorrektur des Gewinnwachstums auf 8 bis 9 Prozent erscheinen angesichts der geldpolitischen Straffungen und des Gegenwindes von Seiten der Nachfrage in Europa und China aber unwahrscheinlich. Wir konzentrieren uns daher auf qualitativ hochwertige Unternehmen mit einer hohen Visibilität der Erträge“, schreibt Villamin. In Anbetracht der zunehmenden Aktienmarktvolatilität sei ein proaktives und dynamisches Risikomanagement von entscheidender Bedeutung.

Langsameres Wachstum im Jahr 2022 erwartet

Die Erwartungen für das Weltwirtschaftswachstum im Jahr 2022 wurden von 4 Prozent auf 3,3 Prozent gesenkt. Der Konflikt in Europa treibt die Inflation auf neue Höchststände und sorgt erneut für Störungen in Handel und Industrie. Einen deutlichen Rückgang der Inflation erwartet die UBP erst Mitte 2023. Die US-Inflation dürfte Villamin zufolge in den kommenden Monaten zwischen 8 und 9 Prozent betragen und in der Eurozone dürfte die Inflation bei über 6,5 Prozent liegen. Der Konsum ist der am stärksten von diesem Schock betroffene Sektor, während der Arbeitsmarkt noch verschont bleibt. Europa sei durch seine hohe Abhängigkeit von Energie- und Rohstoffimporten aus Russland und der Ukraine die am stärksten gefährdete Region. Der Preisanstieg werde den Verbrauch belasten, was teilweise durch neue Haushaltsmaßnahmen ausgeglichen wird. „Trotzdem wurde das Wachstum der Eurozone für 2022 von 4 auf 2 Prozent nach unten korrigiert, und es bestehen weitere Abwärtsrisiken, falls es zu einer größeren Energieknappheit kommt“, führt Villamin aus.