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Die Risiken der Rekordverschuldung

November 2022
Aufgrund der hohen Inflation haben viele Zentralbanken ihre Leitzinsen erhöht und begonnen, ihre Anleihekaufprogramme zu reduzieren. Das verteuert die Schulden deutlich, mahnen die Experten der Steiermärkischen Sparkasse.
Steiermärkische Sparkasse
Alexander Eberan (li.); Sieglinde Klapsch (re.), Steiermärkische Sparkasse

Die weltweite Verschuldung der Staaten steigt massiv an. Jüngste Schätzungen gehen davon aus, dass sie heuer einen neuen Rekordwert von mehr als 70 Billionen US-Dollar (ca. 67 Billionen Euro) erreicht. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie im Jahr 2020, als viele Länder ihre Wirtschaft mit Hilfsprogrammen stützten, sind die Staatschulden um ein Viertel gestiegen. Zunächst hat sich das Verhältnis zwischen Schulden und Bruttoinlandsprodukt zwar im Jahr 2021 aufgrund der starken Konjunktur verbessert, doch 2022 bringt neue Herausforderungen: Das globale Wachstum hat sich verlangsamt, die Rohstoffmärkte sind volatil und die geopolitischen Spannungen halten an, mahnen Sieglinde Klapsch, Leiterin Private Banking Graz Steiermärkische Sparkasse und Alexander Eberan, Leiter Private Banking Wien Steiermärkische Sparkasse, im jüngsten Marktkommentar.

Angesichts der Besorgnis um die hohe Inflation haben viele Zentralbanken ihre Leitzinsen erhöht und begonnen, ihre Anleihekaufprogramme zu reduzieren. Die Kosten der Verschuldung für Staaten, private Haushalte und Unternehmen werden somit deutlich teurer.

CHINA MIT SPITZENWERT

In absoluten Zahlen hat China 2021 seine Staatsschulden am stärksten ausgeweitet, nämlich um rund ein Fünftel oder rund 650 Milliarden US-Dollar. Die Staatschulden betragen im Reich der Mitte im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt derzeit rund 77 Prozent. Relativ hat Deutschland die Schuldenlast zuletzt mit fast 15 Prozent unter den OECD-Ländern am meisten gesteigert. In Relation zum Bruttoinlandsprodukt liegt Deutschland aber mit einer Staatsschuldenquote von rund 68 Prozent innerhalb der EU immer noch im Mittelfeld. Griechenland hat mit fast 190 Prozent die höchste Schuldenquote in der EU, gefolgt von Italien auf Platz zwei mit rund 152 Prozent. Das weltweit am höchsten verschuldete Land ist mit großem Abstand Venezuela mit einer Schuldenquote von mehr als 300 Prozent.

Doch nicht nur Staaten, sondern auch private Haushalte und Unternehmen sind von den geänderten Rahmenbedingungen betroffen. Stark fremdfinanzierte Unternehmen sind mit strengeren Kreditbedingungen und gleichzeitig mit nach unten korrigierten Prognosen für das weltweite Gewinnwachstum konfrontiert. Steigende Kreditkosten und strengere Kreditvergabestandards in Verbindung mit überzogenen Bewertungen nach Jahren steigender Preise werden auch die Immobilienmärkte beeinträchtigen. Deren Kreditqualität könnte unter ungünstigen wirtschaftlichen Bedingungen auf die Probe gestellt werden, was sich möglicherweise auf die Gesamtwirtschaft auswirkt, warnte jüngst die OECD.

VERWERFUNGEN AN DEN FINANZMÄRKTEN

Die straffere Geldpolitik hat heuer zu heftigen Verwerfungen an den Finanzmärkten bei Staats- und Unternehmensanleihen und bis zuletzt auch bei Aktien beigetragen. Vor allem die Kurse zinssensitiver Sektoren wie die des Technologiesektors und des zyklischen Konsums sowie die Aktienbenchmarks der Schwellenländer sind – abgesehen von Zwischenhochs – insgesamt gesunken. Auch die Risikoaufschläge (Spreads) von Unternehmensanleihen und Kreditderivaten (Credit Default Swaps CDS) haben sich weltweit ausgeweitet und befinden sich vor allem in Europa auf einem hohen Niveau, was auf die zunehmende Besorgnis über die Auswirkungen der Energiekosten auf die Wirtschaft zurückzuführen ist. Die Unsicherheit über die Tragfähigkeit der Unternehmensverschuldung hat die Anleger dazu veranlasst, ihr Engagement auf den Märkten für Corporate Bonds mit spekulativem Rating zu verringern: Die Anzahl der Emissionen von Unternehmensanleihen mit spekulativem Rating ist derzeit rückläufig.

Die hohe Verschuldung des Staatssektors, der Nichtfinanzunternehmen und der privaten Haushalte in Verbindung mit strengeren finanziellen Bedingungen und einem komplizierteren makroökonomischen Umfeld könnte viele seit langem bestehende und wachsende Schwachstellen im globalen Finanzsystem auf die Probe stellen und bergen aktuell eine Reihe von Risiken. In vielen OECD-Volkswirtschaften werden in den nächsten Jahren beträchtliche Schuldenbeträge fällig, die die Refinanzierung in diesen Ländern vor erhebliche Herausforderungen stellen können. Der Druck wird in den einzelnen Ländern unterschiedlich stark zu spüren sein. Der Schuldendienst wird wahrscheinlich bei denjenigen Regierungen am stärksten zunehmen, die sowohl mit einem starken Anstieg der Renditen als auch mit einem hohen Finanzierungsbedarf konfrontiert sind.

AUCH UNTERNEHMEN UND PRIVATE BETROFFEN

Auch die Bedenken über Unternehmensemissionen nehmen zu. Seit November 2021 wurden mehr Rating-Herabstufungen als -Hochstufungen für Unternehmensemittenten mit spekulativem Rating vorgenommen. Die Schuldendienstquoten der Unternehmen könnten weiter steigen, da sich die finanziellen Bedingungen verschärfen und die Erträge angesichts steigender Kosten und schwächelnder Wirtschaftsaussichten zurückgehen. Eine Verschlechterung der Kreditqualität fremdfinanzierter Unternehmen in anfälligen Sektoren oder Regionen erhöht das Risiko höherer Verluste für eine Reihe von Anlegern, einschließlich Banken und institutionellen Anlegern, und für Produkte, die in diesen Märkten engagiert sind. In Europa stehen Elektrizitätsunternehmen auf dem Prüfstand, da diese mit erheblichen Nachschussforderungen für ihre Hedging-Strategien, mit denen sie die Risiken ihrer Exposition gegenüber volatilen Strompreisen abfedern, konfrontiert werden könnten. Auch bei chinesischen Firmen und Unternehmen in den Sektoren zyklische Konsumgüter, Industrie und Immobilien werden wahrscheinlich Ausfälle zu sehen sein.

Zu spürbaren Verlusten könnte es auch an den privaten Kapitalmärkten kommen, wodurch die finanzielle Solidität einer Reihe von Investoren beeinträchtigt werden könnte. Die Emission von privatem Beteiligungskapital (Private Equity) ist im ersten Quartal 2022 deutlich zurückgegangen, was zeigt, dass sich die Stimmung der Anleger geändert hat. Unter Druck kommen auch die privaten Haushalte in vielen OECD-Ländern, in denen die Sorge angesichts steigender Finanzierungskosten zunimmt, was zu einer Verschlechterung der Kreditqualität und zu Verlusten bei Hypothekenkreditgebern und Residential Mortgage-Backed Securities (durch Hypotheken besicherte Wertpapiere) führen kann. In den USA steigen die Ausfallsquoten bei Auto-, Kreditkarten- und Verbraucherkrediten, insbesondere bei Haushalten mit niedrigem Einkommen. Höhere Finanzierungskosten könnten auch die Nachfrage nach Wohnraum dämpfen, was zu einem langsameren Wachstum oder sogar einem Rückgang der Immobilienpreise beitragen und in weiterer Folge den Stress auf andere Teile des Finanzsystems übertragen könnte.

ZAHLUNGSAUSFÄLLE BEI EMERGING MARKETS?

Die hohe Verschuldung und der steigende Refinanzierungsbedarf staatlicher Emittenten in vielen Emerging Markets könnten dort die öffentlichen Ausgaben zur Unterstützung des Wirtschaftswachstums und schwacher Bevölkerungsgruppen einschränken. Mehr als die Hälfte der staatlichen Emittenten in diesen Ländern sind wegen ihrer hohen Staatsschulden gefährdet, während es vor zehn Jahren noch etwa 10 Prozent waren. Eine weitere Anhäufung von Schulden, höhere Anleiherenditen und restriktivere finanzielle Bedingungen können dazu beitragen, das Risiko eines Zahlungsausfalls für Volkswirtschaften zu erhöhen, deren Staatsanleihen sich bereits in einer Notlage befinden. Die Refinanzierungsrisiken für Staats- und Unternehmensanleihen in den Emerging Markets könnten sich durch Kapitalflucht in Verbindung mit schwächeren Wechselkursen noch verschärfen.