Eine aktuelle Bestandsaufnahme könnte wie folgt lauten: Der Kapitalmarkt navigiert durch eine komplexe Konstellation aus (geo-)politischen Risiken, erhöhter Inflation, restriktiven Notenbanken, ausgereizter Fiskalpolitik in vielen Volkswirtschaften sowie ambitionierten Aktienbewertungen. All diesen Herausforderungen stehen eine resiliente und solide wachsende Weltwirtschaft gegenüber, angetrieben von hohen Investitionen in den Ausbau von KI-Infrastruktur, zweistelligen Umsatz- und Gewinnwachstumsraten bei den großen (US-Technologie-) Unternehmen, ein robuster Arbeitsmarkt und ein immer noch lebhafter Konsum, konstatiert Karin Kunrath, Chief Investment Officer von Raiffeisen Capital Management, in ihrem aktuellen Kommentar.
Auch wenn man argumentieren kann, dass die höheren Leitzinsen der Notenbanken und das Renditeniveau am Anleihemarkt nicht nur wegen des Inflationsdrucks infolge der Energiepreise, sondern auch infolge der überraschend positiven Wirtschaftsentwicklung gerechtfertigt sind, so baut sich hinsichtlich der Finanzierungskonditionen sukzessive ein Belastungsfaktor auch für den bislang völlig unbeeindruckten Aktienmarkt auf. Der Rentenmarkt, insbesondere jener für Staatsanleihen ist naturgemäß schon geraume Zeit von der globalen Zinswende belastet, wenngleich das Renditeniveau entsprechend an Attraktivität gewonnen hat.
Allerdings werden in der Eurozone und hier vor allem in Frankreich die finanzpolitischen Risikofaktoren verstärkt eingepreist, was zu ungewöhnlich starken Rendite- bzw. Spread-Ausweitungen und auch zu einer Abwertung des Euro geführt hat. Neben diesen Verwerfungen im Bereich der sogenannten „sicheren Häfen“ ist auch ein gewisses Maß an Unsicherheit durch den Ausgang der Zwischenwahlen Anfang November in den USA gegeben. Kurzfristig könnte also wieder eine volatilere Marktphase, auch verbunden mit einer zwischenzeitigen Korrektur am Aktienmarkt bevorstehen, was jedoch einem positiven Jahresausklang in weiterer Folge nicht entgegensteht, zumal die übergeordneten Rahmenbedingungen infolge der positiven Wirtschafts- und Unternehmensdaten bis dato weiter unterstützend für riskantere Anlageklassen wirken.
Nachdem wir heuer taktisch nahezu durchgehend bevorzugt in Aktien und zulasten von Anleihen investiert waren, was sich deutlich positiv ausgewirkt hat, positionieren wir uns nun bis auf Weiteres neutral.
ANLEIHEN
Europäische und globale Staatsanleiherenditen sind abermals kräftig angestiegen. Neben dem Sorgenkind Frankreich sei erwähnt, dass auch US-Staatsanleiherenditen deutlich gegen Norden wanderten. Wir bleiben bei französischen Staatsanleihen exponiert und bei italienischen Papieren zurückhaltend, da wir erwarten, dass sich das Spread-Differential dieser beiden Staatsanleihemärkte mittelfristig wieder schließt, zumal es im Falle Frankreichs bei der Budgetkonsolidierung mehr um das Wollen und weniger um das Können geht.
Bei Unternehmensanleihen positionieren wir uns beim bonitätsschwachen Segment der EUR High-Yield-Unternehmensanleihen vorsichtig, während wir das bonitätsstärkere Segment der EUR Investmentgrade Unternehmensanleihen favorisieren. Die zuletzt stattgefundenen Verwerfungen am Staatsanleihemarkt hatten erstmals seit langer Zeit das Potenzial die Unternehmensanleihe-Märkte zu verunsichern. Insbesondere der Stress bei französischen Staatsanleihen hatte unserer Meinung nach das Potenzial, den Markt unter Druck zu setzen.
Die allgemeine Verunsicherung an den Anleihemärkten hat auch Schwellenländeranleihen in Mitleidenschaft gezogen, deren Renditen sind insbesondere bei Hartwährungsanleihen (USD) sprunghaft angestiegen. An diesem Markt gab es sehr lange Zeit kaum eine Reaktionswirkung auf makroökonomische oder geopolitische Events. Wir sind bei Emerging-Marktes-Anleihen im Rahmen der Taktischen Asset Allokation aktuell nicht exponiert.
AKTIEN
Die internationalen Aktienmärkte präsentierten sich in den letzten Wochen unverändert sehr freundlich. Stärkster Unterstützungsfaktor bleibt die sehr gute Gewinnentwicklung der Unternehmen. Die deutlich gestiegenen Zinsen sind bis jetzt spurlos an den Aktienmärkten vorübergegangen. Gleichzeitig hat aber die Marktbreite (Anzahl an Unternehmen, die an dieser positiven Entwicklung teilnehmen) zuletzt deutlich nachgelassen. Wir nehmen daher trotz der aktuell unverändert guten Fundamentaldaten unsere Aktiengewichtung auf eine neutrale Positionierung zurück.
Zudem können sich Emerging-Markets-Aktienmärkte dieses Jahr besser behaupten als entwickelte Märkte. Stark getrieben wird das vom Technologiesektor, der performanceseitig heraussticht. Interessant ist, dass die Bewertung trotz guter Wertentwicklung leicht zurückgeht. Dies ist auf die starke Gewinnentwicklung zurückzuführen, insbesondere im asiatischen Raum, der die gesamte Emerging-Markets-Region dominiert.
ROHSTOFFE
Die internationalen Rohstoffmärkte präsentierten sich zuletzt uneinheitlich. Edelmetalle notierten nach einer zwischenzeitlich stärkeren Phase zuletzt wieder etwas schwächer. Gleiches gilt für die Industriemetalle. Energierohstoffe bleiben weiter sehr volatil aufgrund der Spannungen zwischen den USA und dem Iran. Die Preise für Energie verharren auf hohen Niveaus. Aktuell halten wir in der Taktischen Asset Allokation keine Rohstoffposition.
* Raiffeisen Capital Management steht für Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H.

